Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 358 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Meiler Das muß man sich klar vor Augen halten, wenn man der Natur des Volkstums gerecht werden will. Sonst entsteht die Gefahr falscher Analogien. Es ist nun von größter Bedeutung, ob die geistigen Schöpfer und Wegweiser eines Volkes die Blicke über das eigne Volk hinaus zu heben vermögen oder ob sie in ihm ertrinken. Auch hier kommt es darauf an, daß jener archimedische Punkt außerhalb der Welt gewonnen wird, die man bewegen will. Führer eines Volkes können nur die sein, die, trotz stärkster Verwurzelung in ihm, irgendwie über ihm stehen. Das vergessen unsre Völkischen. Sie sehen im Volk nicht nur etwas Starres, Unabänderliches und sind blinid für das Lebendige, stets sich Wandelnde, sondern sie wollen ein Volk körperlich, blutmäßig und geistig abschließen und setzen es damit der Gefahr der Inzucht und der Verkümmerung aus. Ja, sie verurteilen sein Dasein zu absoluter Sinnlosigkeit. Denn ein Volk kann so wenig wie der Einzelne in sich eingesponnen leben und sich selbst genügen. Es wird seines Wesens und seiner Kräfte erst gewahr und froh, wenn es den Mut hat, sich zu erschließen und einzusetzen für eine Welt außerhalb seiner selbst, eine Welt, die seinem Leben Nahrung und Inhalt gibt. Es ist ja kein Zufall, daß es neben dem eignen Volk noch andre Völker gibt. Ihr Einfluß wirkt belebend und fördernd auf das eigne Volk zurück. An ihnen und mit ihnen gilt es, die Kräfte zu messen und bewähren. Und ebenso wenig ist es ein Unglück, daß die Völker nicht durch unübersteigbare Wälle und Gräben voneinander getrennt sind, sondern daß in beständigem Verkehr die Menschen herüber- und hinüberfluten und die gegenseitige Berührung und Durchdringung immer stärker und nachhaltiger wird. Anstöße und Anregungen, die unausgesetzt davon ausgehen, wollen nicht zurückgewiesen, sondern geistig verdaut und verarbeitet werden. Sie sind berufen, nicht das Volkstum zu stören und zu verwischen, sondern zu wecken und zu entzünden, insofern ja doch jedes Volk auf seine Weise Einflüsse entgegennimmt und gerade durch die Art, wie es sich andern Völkern öffnet und sich mit ihnen verbindet, immer wieder sich und seine innerste Natur herausstellt und entfaltet. Es verrät große Unsicherheit und wirklichen Unglauben an die Echtheit und Gediegenheit des eignen Volkstums, wenn es immer vor fremder Berührung geschützt werden soll. Menschen, die keinen Meister anerkennen, um nicht ihre Selbständigkeit zu verlieren, täuschen sich. Sie gewinnen damit keine Selbständigkeit, sondern tauschen nur die Abhängigkeit von Meistern. 358