Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 357 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Volknatur und Volkgeist füge nur sehr lose und unreif. Die Einheit ist gewissermaßen von unten, von Natur her gegeben, das Individuum wird von ihr gefaßt und getragen; aber es fehlt die zusammenschließende Kraft von oben her, aus Geist und Willen der Volksgenossen. Sobald sich aber die Einheit in jedem Einzelnen widerspiegelt, von ihm als Tatsache erkannt, als Wert geliebt und gewollt wird, spinnen sich von da aus tausend neue Fäden. Volikstum wird dann bejaht und vom Geist her immer neu geboren. Solche Erkenntnis, Gesinnung und Liebe findet wiederum ihren Niederschlag in der Sprache und wird durch sie weitergegeben an die andern Volksgenossen zu tausendfachem Echo sich verstärkend, ein immer mächtiger anschwellender Chor. Volkstum aus Z e u g u n g mündet in ein höheres und gefestigteres Volkstum aus Überzeugung ein. Volkstum ist dann nicht mehr nur Naturprozeß, sondern zugleich Schöpfung des in ihm wirkenden Geistes. Die edlen und bedeutenden Persönlichkeiten eines Volkes werden zu seinen Geburtshelfern. Sie wecken Volkstum und lassen es lebendig werden. Es hängt mit von der Weite und Kraft dieser Menschen ab, ob Volkstum reich wird oder verkümmert, und welche Richtung es in seiner Entwicklung einschlägt. Dabei zeigt sich aber auch gleich der Unterschied zwischen dem Wesen eines Volkes und dem einer Einzelperson. Soweit Volk seiner selbst bewußt wird, kann es sich nur im Bewußtsein der einzelnen Volksgenossen spiegeln. Es fehlt ihm durchaus jener einheitliche Mittelpunkt, der dem Ichbewußtsein der Einzelperson entspricht. Ja, es fehlt ihm nicht nur eine solche letzte Zusammenfassung und Krönung, sondern auch der einheitliche Ausgangspunkt, aus dem sein Wesen immer wieder neu sich gestaltet und aufbaut. Wenn es schon der Fall sein sollte, daß Volkstum aus einer Familie sich entfaltet hat, so ist doch dieser einheitliche Ursprung nicht so wesentlich, daß er dem Volk für alle Zukunft sein Gepräge gibt. Volk lebt nicht aus einem naturhaften Mittelpunkt, sondern sein Leben ist über seinen ganzen Körper ausgebreitet, ein Nebeneinander, ein ungegliedertes Zellgewebe wie bei niederen Organismen. Der Volkskörper ist auch nicht so abgeschlossen, daß er nicht mit andern sich verbinden und verschmelzen könnte. Und zwar geschieht das nicht nur wie bei einem Organismus, der fremde Stoffe als Nahrung aufnimmt, sie verarbeitet und seinem Baugesetz unterwirft, sondern auch so, wie chemische Verbindungen sich vollziehen. Die heutigen europäischen Völker sind alle mehr oder minder solche Mischungsprodukte aus Volksfragmenten. 25 357