Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 356 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Meiler Entwicklung. Weil aber von der Sprache her nicht nur Einfühlung in ein Volkstum, sondern auch Herausmeißelung der einem Volkstum verwandten Seiten möglich ist, deshalb ist die Sprache von so überragender Bedeutung. Es kommt ihr bis zu einem gewissen Grad geburtshelferische, ja schöpferische Funktion für das Volkstum im Einzelnen und in der Gesamtheit zu. Sprache ist aber nicht nur unabänderlich Gegebenes, sondern bei aller Prägung und Gesetzmäßigkeit ewig Wandelbares, in steter Entwicklung Begriffenes. Und die Veränderungen, die die Sprache erleidet, sind keine Naturvorgänge, sondern sind aus der geistigen Freiheit der sie gebrauchenden Menschen geboren. Jeder Einzelne, der sich einer fertigen Sprache bedient, verwendet und nützt sie für seine Zwecke, handhabt sie und arbeitet an ihr, macht sie zum geschmeidigen und gefügigen Instrument seines Geistes und Willens. Das kann willkürlich und mißbräuchlich geschehen, aber auch demütig-schöpferisch. Je größer die geistige Entwicklung, desto freier die Handhabung der Sprache. Unsere Dichter haben nicht nur die Sprache verstanden, sondern sie auch geformt und weitergebildet. Damit haben sie den geistigen Gehalt ihres Volkstums erweitert und vertieft. Sie waren Wegbahner für ihr Volkstum und ihre Volksgenossen. Wo aber könnte der rechte Weg anders hinführen als ins Geistige schlechthin oder, was dasselbe ist, ins Allgemein Menschliche, dem einen Ziel für alle Völker, zu dem freilich jedes Volk seinen Weg gehen muß. Wo Blut, Schicksal und Sprache die Volksgenossen eint, ist Volkstum geschlossener und inniger, als wo ein oder das andere Element fehlt. Wo idas Blut z. B. aus anderer Umgebung stammt als die Sprache, da wird sie auf manche Widerstände der geprägten Form stoßen, und eine Umprägung wird erst im Lauf von Generationen möglich werden. Der Volkswerdeprozeß wird verzögert, keineswegs aber braucht er dadurch verhindert zu werden. Wenn indes die Sprachgemeinschaft aufgehoben wird, zerreißt auch bei Fortbestehen der Blutsgemeinschaft sehr bald das Band mit den Volksgenossen. So entscheidend ist Sprache für Volkstum. Sie bildet ja die Voraussetzung für Einheitsbewußtsein und Gemeinschaftswillen, in dem sich Volkstum vollendet. Selbst wenn alle Vorbedingungen zur Einheit eines Volkes in Blut, Schicksal und Sprache gegeben sind, aber diese Einheit noch nicht klar erkannt und, was noch mehr bedeutet, gewollt ist, so ist das ganze Ge- 356