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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 355

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Volknatur und Volkgeist
Date
1929-10-01
Page
355 (sequence 5)
Language
German
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Volknatur und Volkgeist rakter. So wird ihm sein eigener Wille zum Schicksal, sein Hang zum Verhängnis. Ein geheimnisvolles Weben von inneu und außen, formend und geformt zugleich. Der Weg, in dem es sich vollendet. Sprachgemeinschaft. Die Sprache ist das eigentliche Merkmal für Volksgemeinschaft, sie ist weit wichtiger als Blut und Schicksal. Ihre Bedeutung ist deshalb so groß, weil in ihr die Einheit des seelisch-geistigen Lebens im Volke zum Ausdruck kommt. Sprache ist hier in weitestem Sinn genommen. Unter ihr ist jede Ausdrucksweise, also auch die Kunst zu verstehen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß Sprache mehr ist als Verständigungsmittel. Die Sprachen unterscheiden sich nicht nur dadurch voneinander, daß sie für die gleichen Gegenstande, Vorstellungen und Gefühlsinhalte verschiedene Worte haben, sondern vielmehr dadurch, daß sie an Vorstell ungs- und Gefühlsinhalten reicher oder ärmer sind und was noch wichtiger ist, daß bei gleichem Gegenstand in der einen wesentlich andere Seiten gesehen werden wie in der andern. Jede Sprache gibt einen verschieden großen und andersartigen Ausschnitt von Welt und Leben. Zunächst ist auch Sprache etwas Gegebenes, was jeder fertig vorfindet, das er sich aneignen, in das er hineinwachsen muß. Teilnahme an einer Sprachgemeinschaft heißt Teilnahme an der gleichen Gefühls- und Geisteswelt,, an der gleichen Art, die Dinge zu erleben und zu sehen. Diese Teilnahme kann verschieden groß und vollkommen sein. Der Dichter versteht die Sprache seines Volkes und damit sein Volk besser als etwa ein unreifer oder ungebildeter Mensch. Vollkommenheit der Sprachbeherrschung ist zugleich der Gradmesser dafür, wie weit man in sein Volkstum eingedrungen ist. In der Sprache hat die Bluts- und Schicksalsgemeinschaft ihren Niederschlag gefunden, und mit der Sprache wird uns das Volkstum in Umfang, Tiefe und Prägung vermittelt. Das ist möglich, weil in jedem Menschen, wie bereits gesagt, die ganze Menschheit angelegt ist und gerade auch von der Sprache her die verschiedensten Seiten seines Wesens entwickelt werden können. Nicht so, als ob jeder zu jedem werden könnte, aber doch so, daß die bereitliegenden Anlagen viel reicher sind als gemeinhin angenommen wird, und daß jeweils aus der Fülle der Anlagen auch andere Seiten hätten entwickelt werden können, als in der Tat durch die jeweiligen Verhältnisse entwickelt worden sind. Im Grunde genommen kommt kein Mensch mit der Anlage zu einer bestimmten Sprache zur Welt, sondern immer nur mit der Anlage zum Sprechen überhaupt. Er nimmt, je nach der Sprache, die er lernt, eine ganz verschiedene geistig-seelische 355

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