Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 354 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Meiler schaftlicher Vorurteile nicht hindern können, daß aus der geographischen Mischung auch eine blutsmäßige wird. Und wer will sagen, dies läge nicht im Plan der Vorsehung? Die Schwierigkeiten beim amerikanischen Volk z. B. kommen nicht aus der fortschreitenden, sondern aus der noch nicht genügend fortgeschrittenen Vermischung der dort lebenden Völker. Erst wenn diese Mischung sich durchgesetzt hat, wird man nicht nur von einer amerikanischen Nation, sondern auch von einem einheitlichen amerikanischen Volk reden können. Gegenüber den europäischen Völkern wird es sich weniger durch die Mischungsstärke als dadurch unterscheiden, daß die Mischung bei ihm noch jüngeren Datums ist. Daß Ehen mit starken Rassenunterschieden bisweilen scheitern, hängt viel mehr mit den damit verbundenen sozialen und kulturellen Gegensätzen als mit denen des Blutes zusammen. Volkstum will Blutsgemeinschaft, insofern sich Volksgenossen immer ehelich miteinander verbinden. Die Aufgaben, die von dieser Seite her dem Volkstum gestellt werden, können nicht heißen, aus unbewiesenen Theorien heraus Gräben und Mauern innerhalb eines Volkes ziehen, sondern froh die Volksgemeinschaft auch' als Blutsgemeinschaft bejahen, im Glauben, daß das, was in Liebe innerhalb des Volkes sich findet, bestimmt ist, Brücken zu schlagen und die Gemeinschaft tiefer und inniger zu gestalten. Gesundheitliche und kulturelle Rücksichten sind dabei viel wichtiger als alle sogenannten rassenmäßigen. Schicksalsgemeinschaft. Zum Schicksal gehört einerseits der Lebensraum eines Volkes, andererseits die Ereignisse, die auf es einwirken. Die Natur des Landes, Bodengestalt, Klima, Fruchtbarkeit erweisen sich von größter Formkraft für jede menschliche Gemeinschaft. Vielfach wird sich herausstellen, daß manches, was auf Rechnung des Blutes gesetzt wurde, den Einflüssen der Umwelt zuzuschreiben ist. Nicht minder wichtig für ein Volk sind die geschichtlichen Vorgänge. Indem sie dem Bewußtsein der Vielen gemeinsame Inhalte geben, helfen sie, einheitliches Volksbewußtsein heraufführen. Man denke an die Bedeutung des Krieges 1870/71 für die deutsche Einheit oder an die des Weltkrieges für Großdeutschland. Auch hier ist Schicksal nicht nur etwas das Volk von außen her Bestimmendes. Ein mündiges Volk nimmt sein Geschick in die Hand. Erst von diesem Augenblick an hat es Geschichte: Geistesgeschichte; was vor dieser Zeit liegt, kann nur als Naturgeschichte angesprochen werden. In der Art und Weise nun, wie es sein Schicksal zu gestalten sucht, offenbart es sein Wesen und seinen Cha- 354