Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 353 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900017--03799-2900090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Volknatur und Volkgeist trifft es nicht mehr zu. Da im Lauf der Geschichte Eroberervölker sich immer wieder mit unterlegenen Völkern verschmolzen haben, so liegen die Rasseeigentümlichkeiten, soweit solche sich zuvor herausgebildet haben, in dem neuen Mischvolkc wie geologische Schichten übereinander. Das ist der normale Zustand heute. Ursprüngliche Unterschiede werden im Lauf der Zeit mehr oder minder verwischt und ausgeglichen. Sie verschwinden nicht, sie sind aber nicht mehr nach Individuen verteilt, sondern treten im einzelnen Individuum nebeneinander auf. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß jeder Mensch zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw. hat, und daß bereits in der 3o. Generation die Zahl der damals lebenden Ahnen auf über eine Milliarde gestiegen ist, so wird daraus zweierlei klar. Erstens, wie intensiv die Blutmischung in jedem Einzelnen sein muß. 3o Generationen, das sind knapp iooo Jahre; damals hatte ganz Europa nicht annähernd soviel Menschen. Es müssen also viele Verwandtschaftsheiraten stattgefunden haben, und unter den damals lebenden Ahnen müssen dieselben Menschen vielfach wiederholt vorkommen, damit die ungeheure Zahl von über i Milliarde erreicht wird. Wenn man über die i ooo Jahre hinaus noch weiter in die Geschichte hinaufsteigt, kommt man zu einem Zeitpunkt, wo wirklich einmal die Vorfahren die ganze Menschheit umfaßten. Daraus ergibt sich zweitens, daß demnach jeder rein blutsmäßig Repräsentant der Menschheit ist. Und wenn auch in ihm das Bild des Menschen durch die Art der Blutmischung ein ganz bestimmtes persönliches, nur ihm eigentümliches Gepräge erhalten hat, so ruht doch die Fülle des Menschlichen in ihm, und die niedergehaltenen Kräfte warten darauf, angesprochen und geweckt zu werden. Das kann aber jederzeit geschehen, wenn eigenes Blut sich mit fremdem Blut mischt in einem neuen Menschen. Die Fülle der Möglichkeiten ist im Blut jeden Elternteils unerschöpflich. Welche davon im Kinde Wirklichkeit werden, hängt davon ab, welche Möglichkeiten des einen Gatten Echo beim andern finden. Man muß sich das vor Augen halten, um nicht in die Fehler der Rassentheoretiker zu fallen, die aus vorgefaßter Meinung willkürliche Grenzen aufrichten wollen, von denen die Natur nichts weiß. Wie groß die Unterschiede des Blutes sein mögen, sie heben nicht die Einheit des Menschengeschlechtes auf. Und wenn die Entwicklung des modernen Verkehrs, und damit zusammenhängend die großen Wanderungen von Erdteil zu Erdteil, die Rassen geographisch immer stärker mischen, so wird man trotz aller Verbote und gesell- 353