Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Meiler erfassen. Es ist jedoch zu hoffen, daß es sich nur um den Abschaum handelt, den der gärende Wein an die Oberfläche ausscheidet. Der eigentliche Vorgang der geistigen Geburt eines Volkes ist von größter Bedeutung und darf nicht verwechselt werden mit den nationalistischen Exzessen, die ihn begleiten. In ihm wird Volk seiner selbst mächtig, erfährt beglückt von seiner eigenen Natur und erwacht aus dem passiven Zustand von Schlaf und Traum (Mythos) zum freien Gebrauch seiner Kräfte für ein selbstgewähltes Ziel. Baraus ergibt sich zugleich, daß Volk vor Volksbewußtsein ist, so wie der einzelne Mensch lebt, bevor er von sidi weiß. Es kann alle wesentlichen Merkmale besitzen, Einheit des Blutes, des Schicksals und der Sprache, und braucht doch von seinem Dasein nur sehr dunkle und unvollkommene Vorstellungen zu haben. Zu seiner Vollendung gehört allerdings, genau wie beim Einzelmenschen, daß es sich über den Zustand, des Vegetierens erhebt zum Bewußtsein seiner selbst, daß es nicht nur west, sondern sich selbst kennt und will, daß es aus vorgeschichtlicher Dämmerung zu freier Selbstbestimmung vordringt. Die Grundlagen seines Wesens werden dadurch nicht verändert, sie werden nur tiefer gefaßt. Immer ist Volk Bluts-, Schicksals- und Sprachgemeinschaft, und doch gibt es in allen drei Bindungen Grade der Intensivität und Reife, je nachdem das Volk nur von ihnen her oder sie auch vom Volk her bestimmt werden. Auch hier ist das Gegebene zugleich das Aufgegebene, nicht etwas, was automatisch abläuft, sondern etwas, was bewußt gepflegt und beeinflußt werden will. Bluts gemeinschaft. Sie ist nicht gleichbedeutend mit Rasse. Für Volkstum kommt sie nur in dem ganz schlichten Sinn in Betracht, daß Volksgenossen naturgemäß Blutsverbindungen miteinander eingehen. Indem so die Volksgenossen im Lauf der Generationen sich beständig mit ihrem Blut durchdringen, verdichten sie diese Blutsgemeinschaft und schaffen eine gewisse einheitliche physiologische Grundlage. Es ist dabei selbstverständlich möglich, daß bei solchen Blutmischungen auf jeder Seite ganz verschiedenartiges Blut vorhanden sein kann, das selber schon in früheren Geschlechtern mannigfaltige Verbindungen eingegangen ist. Durchaus nicht wesentlich für ein Volk ist Einheit des Blutes in dem Sinn, daß alle Volksgenossen von einem Elternpaar abstammen, daß Volk gleichbedeutend mit Großfamilie ist. Das mag in den Uranfängen der Geschichte so gewesen sein. Auf die gegenwärtigen Völker 352