Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Theorie der Medizin und Religionsphilosophie
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 349 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900016--03794-2900086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Theorie der Medizin und Religionsphilosophie lieh dem Naturgesetz; im andern Fall, dem der Technik, untersteht es ihm ausschließlich. Das gilt für den ausübenden Arzt und den ausübenden Techniker. Es gilt aber auch in beiden Berufen, wenn es sich darum handelt, neue Heilverfahren zu finden oder neue Maschinen zu konstruieren. Die Wirkung einer neuen Maschine kann mit einer annähernd mathematischen Genauigkeit vorausberechnet werden. Wenn der Effekt anders ausfällt, als er erwartet wurde, handelt es sich um einen Fehler oder um ein neues Naturgesetz. Wenn man die Wirkung von Heilverfahren voraussagt, spricht man von einem Ereignis, dessen Ausbleiben von vornherein berücksichtigt werden muß. Alles Lebendige reagiert auf Reize und Eingriffe nicht mit Naturnotwendigkeit sondern nur mit einer bestimmten Regelmäßigkeit. Wenn am Lebendigen unter einfacheren Verhältnissen gearbeitet wird, wie bei Ackerbau und Viehzucht, dann nähert sich die Regelmäßigkeit des Lebendigen der Naturgesetzlichkeit des Technischen. Trotzdem nennt man den Ackerbauer und Viehzüchter nicht oder nur im übertragenen Sinne Techniker. So zeigt die Theorie der Medizin und zwar noch viel deutlicher, wenn man ins Einzelne geht, daß ein menschliches Verhalten und Handeln sehr kunstvoll und gelehrt sein kann, ohne daß deshalb die Tatsache aus der Erscheinung verschwände, daß Vorgänge mit Geistigem anfangen und endigen können. Der Theorie der Medizin gelingt es, in einer besonderen Weise zu zeigen, daß es ein Sein gibt, das außerhalb aller Naturgesetzlichkeit liegt, daß das von allem schöpferischen Sein gilt und Haß schöpferisches Sein unabhängig von einem persönlichen Schöpfer nicht gedacht werden kann. Diese Betrachtungen führen aus dem Medizinischen nicht nur zu einem sehr realen Begriff vom geistigen Sein, sondern auch zu der Einsicht, daß alles Geschaffene das Werk eines persönlichen und zielstrebigen Geistes sein muß. Je mehr man in diese Dinge eindringt, um so mehr entquellen ihnen metaphysische Begriffe, die für die religiösen Bildungen Überzeugungskraft besitzen. Es gibt wohl keinen anderen Beruf als den des Arztes, der so emdringlich zeigt, daß Zweckmäßigkeit in der Natur vorhanden ist. Während sich der Techniker auf die Naturgesetzlichkeit der Welt bezieht, bezieht sich der Arzt auf den zweckmäßigen Bau der Organismen, der erlaubt, diese organische Zweckmäßigkeit in ihrer ganzen Weite und in ihrer ganzen Begrenztheit zu sehen. Der Arzt hat es nicjht nur mit einem lebendigen Wesen zu tun, sondern auch mit einem Wesen, das eine Seele im alten Sinne des Wortes besitzt. Da der Arzt dauernd mit der Seele des Menschen rechnen muß, ist er unabhängig von allen Theorien, 349