Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Theorie der Medizin und Religionsphilosophie
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 350 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch: Theorie der Medizin und Religionsphilosophie die ihr Sein oder Nichtsein beweisen. Er sieht, wie er als beseeltes Wesen auf die Seele eines andern Menschen wirkt, er sieht also materielle Erfolge, die aus dem Bereich des Geistes von einer Seele auf eine andere Seele einwirken. Er sieht, daß diese Einwirkungen von außen erfolgen, und daß sie zum Guten führen können, nur bedingt abhangig von Zufall und Naturgesetz. Er sieht Eingriffe, die oft willkürlich den gesetzlichen Lauf der Welt unterbrechen. Analysiert er den Ablauf seines Handelns, so kommt er bald zu dem Begriffe der Kausalität, und sieht, daß es außer der naturgesetzlichen, materiellen auch eine freie geistige und persönliche Kausalität gibt. Er sieht weiter, wie beim Menschen mechanische und nichtmechanische Abläufe ineinander übergehen. An diesem Punkte berühren sich die biologischen Erkenntnisse aus der ärztlichen Tätigkeit mit den neuen Lehren der theoretischen Physik. Die Naturgesetzlichkeit des neuen Stoffes wird bekanntlich heute anders aufgefaßt als früher. Die neue Auffassung fügt sich sehr gut den aus Ärztlichem gewonnenen Begriffen der Notwendigkeit und Freiheit ein. Religionsphilosophisoh besonders wichtig ist, daß ärztliche Gedankengänge zu der Gewißheit führen, daß die Freiheit des Menschen niemals aus den Axiomen der Mechanik abgeleitet werden kann, sondern daß die Denknotwendigkeit entsteht, diesen Begriff der jüdischen und aller mit ihr verwandter Religionen zu einem Axiom zu machen. Eine Gewißheit der religiösen Selbstbesinnung wird hier zum Ausgangspunkte einer im Lebendigen und Unbelebten ausreichenden Kausalität. Der Arzt kann von seinem Beruf aus die metaphysischen Begriffe mit einem in seiner Wirklichkeit unangreifbaren, mit einem verstandesmäßigen und überzeugungskräftigen Inhalt anfüllen. Er sieht sogar, wie gerade in der Medizin „gut und böse" im Naturgeschehen vorkommen. Denn es gehört zu den charakteristischen Merkmalen der menschlichen Natur, daß ein Mensch dem andern Arzt wird, daß aus dieser menschlichen Beziehung im Laufe der Zeit hochentwickelte Wissenschaft wird, die von Anfang an die Tendenz hat, daß einer dem andern Gutes tut. Er sieht das und vieles andere im Bereich des Anschaulichen und des Menschlichen. Es handelt sich für ihn immer wieder um den einzigen und unwiederholbaren Fall. Wo aber sein Blick nicht mehr hinreicht, kann er aus den menschlichen Einzelschicksalen Erkenntnisse auf das Allgemeine der Philosophie und auf die göttlichen Dinge der Religionsphilosophie übertragen, die überdies ohne eine Bildersprache niemals auskommen wird, bei der schließlich immer Bild und Vergleich die Stelle des Beweises vertreten müssen. 350