Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Theorie der Medizin und Religionsphilosophie
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 348 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900016--03793-2900085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Richard Koch Revolutionen und, im Zusammenhang damit die Zeit des freien Verkehres der Menschen untereinander, der Übergang der politischen Macht an die bürgerlichen Stände. Die Religion hatte nicht mehr die traurige Aufgabe zu erfüllen, die Untertanen zu beherrschen; Macht über die Massen gab im ig. Jahrhundert weit mehr die auf den Naturwissenschaften beruhende Technik. Religion wurde nun die Spielregel der nichtproletarischen Schichten und Philosophie die Organisation des freien Geistes, dessen Aufgabe es war, alle überzeugungsbildenden Kräfte ausschließlich in den Dienst der Naturwissenschaften zu stellen. Ihr blieb schließlich kaum mehr übrig, als ihren Stempel unter die Aussagen der induktiven und positivistischen Wissenschaften zu drücken. Von der Französischen Revolution bis zum Weltkrieg war eine philosophische Wahrheit eine Wahrheit zweiten Ranges, und Religion hatte in bezug auf Wahrheit überhaupt keinen Rang mehr. Aus den Wissenschaften heraus, besonders aus der Biologie, kam es dann zu einer Regeneration der metaphysischen Begriffe, der philosopihischen Begriffe, ohne die ein verstandesmäßiges Überzeugtsein von der Verbindlichkeit religiöser Forderungen unmöglich ist. Geist, Sinn und Zweckmäßigkeit wurden von den Naturwissenschaften her wieder schledhtweg wahr, nachdem lange Zeit diese Begriffe in der Philosophie nur die Wahrheit von Kompromissen hatten. Man kann heute sagen, daß, unabhängig von der Wahrheit alles Glaubens, Wissenschaft und positivistische Philosophie keine Argumente mehr gegen den Glauben liefern. In diesem Vorgange spielte die Medizin eine besondere Rolle. Sie hörte auf, angewandte Wissenschaft zu sein, und wurde wieder sie selbst, die Kunst zu heilen, zu helfen, Schmerz zu lindern. Sie konnte Leistungen aufweisen, deren Wert nie bestritten worden war, und trotzdem stand hier die Wissenschaft deutlich in einem anderen Verhältnis zur Leistung als die Naturwissenschaften zu den Leistungen der Technik. Die Technik konnte man angewandte Naturwissenschaft nennen, die Medizin zeigte sich bei näherer Betrachtung als etwas ganz anderes. Sie wendet nicht weniger Wissenschaft an, als die Technik. Aber bei der ärztlichen Leistung spielt der Arzt eine bedeutend größere Rolle im Verhältnis zu den Wissenschaften, die er benutzt, als der Techniker im Verhältnis zu den von ihm benutzten Wissenschaften. Das kommt zum Teil daher, daß der Arzt am lebendigen Menschen arbeitet, an dem berechenbare Wirkungen viel seltener eintreten, als bei den Arbeiten mit totem Material. Im. Falle des Arztes untersteht das Material nicht ausschließ- 348