Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Theorie der Medizin und Religionsphilosophie
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch: Theorie der Medizin und Religionsphüosophie auch vom Verstände her wieder und wieder ins Wanken und muß gerade vom Verstände her immer wieder gestützt werden. Im Laufe der Entwicklung lösen sich die übersinnlichen Begriffe des persönlichen, schöpferischen, gesetzgebenden Gottes, der Begriff der Seele und ihre Beziehung zum Leib, der Begriff des Geistes und manches andere immer wieder auf und werden paradox. Es ist dann die Aufgabe der Religionsphilosophie, sie wieder zu gewinnen. Die Philosophie jeder philosophierenden Zeit hat Begriffe der Religion lösenden und wiedergewinnenden Strebungen in verschiedenem Verhältnis. Das Verhältnis beider Strebungen hat immer denselben das ganze religiöse Sein umfassenden Wert, einerlei ob dieses Sein besonders religiös oder areligiös ist. So entstehen Wege, die für Menschen aller Bekenntnisse so weitgehend gleich sind, daß Religionsphilosophie von allen Menschen gemeinsam betrieben werden kann. Wenn eine Wissenschaft nichts anderes will als Erkenntnis der Wahrheit, nennt man sie voraussetzungslos. Solange man noch nicht erkannt hatte, daß die Wissenschaften immer auch andere, bewußte oder unbewußte Absichten haben als die Erkenntnis der Wahrheit, mußte man die Religionswissenschaft mit mehr Recht als heute aus der Reine der voraussetzungslosen Wissenschaften herausnehmen, wenn man ihr nicht ihr ursprüngliches Ziel nahm und sie durch Religionsgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Psychologie der Religion ersetzte. Julius Goldstern gehört zu den Philosophen, die Religionsphilosophie in ihrer natürlichen und echten Form am meisten geliebt haben. Die Naturwissenschaften bekamen im selben Maße immer größere Überzeugungskraft, in dem die Überzeugungskraft der Philosophie und der Religion abnahm. Dieser Vorgang vollzog sich in Abschnitten, die sich zeitlich ziemlich deutlich voneinander absetzen. Im 16. Jahrhundert schwand das bedingungslose Vertrauen an die Kraft der Überlieferung, von dem angefangen, was die griechische Wissenschaft überliefert hatte, bis tief in die frühesten Überlieferungen der Kirche. Dann im 17. Jahrhundert verstärkte sich die Überzeugungskraft der Wissenschaft durch die zunehmende und immer sicherer werdende Verfeinerung der Berechenbarkeit der Naturerscheinungen. Im 18. Jahrhundert war die Wissenschaft so eindrucksvoll geworden, daß die Gelehrten es wagen konnten, von der Wissenschaft her die naive Überzeugung, die mit weltlicher Macht erzwungenen Bekenntnisse der Menschen, und darüber hinaus die Religion, im Kerne anzugreifen. Nach der Aufklärung kam die Aufhebung der gleichsam allgemeinen Leibeigenschaft der Menschen durch die 347