Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Theorie der Medizin und Religionsphilosophie
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 346 (sequence 1)
- Language
- German
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Theorie der Medizin und Religionsphilosophie Von Richard Koch Eines Tages machte mir Julius Goldstern die Freude zu sagen, daß meine Arbeiten aus dem Gebiete der Philosophie der Medizin ihn auch für seine Wissenschaft, besonders für Logik und Religionsphilosophie, interessierten. Das war keine leere Redensart. Ich faßte seine Bemerkung von vornherein nicht so auf, und eine Reihe unvergeßlicher Gespräche mit dem Dahingegangenen, die ihr folgten, bestätigten mir dann, daß ihm die Beziehungen zwischen den scheinbar so weit auseinanderliegenden Gebieten wichtig waren. In unseren Gesprächen handelte es sich nun niciht um die Beziehung der Philosophie zur Biologie, zur objektiven Wissenschaft vom Leben, eher schon zur Anthropologie als einer umfassenden Wissenschaft vom Menschen, in der der Mensch auch als Kranker und als Arzt vorkommen muß, um eine Beziehung ausschließlich zur Medizin selbst. Es soll hier auch nur von dieser Beziehung der Medizin zur Religionsphilosophie geschrieben werden, nicht zur ganzen Philosophie. Diese Einschränkung ist am Platze, weil Goldstein vor allem auch ein Philosoph der Religion gewesen ist. In der Religion der Juden bindet das Gesetz den Menschen an Gott, nicht an Philosophie. In anderen Religionen beruht die Bindung früher — oder gar von Anfang an — auch auf Philosophie. Aber weil alles unerfüllte, alles vormessianische Judentum aus Gründen, die in seinem Wesen liegen, auf den meisten Gebieten des Menschentums Assimilation an andere Menschengemeinschaften braucht, braucht es vor seiner Vollendung, wie die Griechen und die Völker des Abendlandes, auch eine Philosophie der Religion und seiner Religion. Es braucht ein verstandesmäßiges ülberzeugtsein von der Verbindlichkeit seiner Gesetze. Auf dem Wege durch die Zeiten gerät dieses Überzeugtsein 346