Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Der elliptische Mensch
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 341 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900014--03784-2900078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der elliptische Mensch während gegenübersteht. Man könnte nun einwenden, daß auch das Wirgefühl des Katholiken über viele Völker und Sprachen reicht, schließlich auch das Wirgefühl des Esperantisten oder das einer internationalen Turnbruderschaft, und daß man doch hier nicht von einem latenten Spannungsmoment zwischen diesem und einem allgemeinen Wirgefühl sprechen könne. Nun ist aber das jüdische Wirgefühl von anderer Art als das einer Gesinnungsgruppe oder gar eines Zweckverbandes und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das allgemein menschliche Wirgefühl, also das deutsche, französische, russische, nicht das jüdische wie das katholische usw. in sich aufgenommen hat, sondern weil umgekehrt das jüdische Wirgefühl das allgemein menschliche, das deutsche, französische, russische, zu sich aufgenommen hat. Die Richtung der Wiraufnahme, die Tatsache der europäischen Emanzipation der Juden (und nicht der Emanzipation Europas) ist unauslöschbare, fortwirkende Erinnerung. Darum hat das jüdische Wir eine besondere spezifische Schwere und geht nicht einfach in den Schichtungen des allgemein menschlichen Wir auf. Vielleicht läßt sich für die jüdische Situation ein Bild verwenden, das die Wirklichkeit ein wenig vereinfacht, aber gerade dadurch die Grundlinien: sichtbarer werden läßt. Wenn wir für den' Menschen — der in irgendeiner geistigen Kultur steht, in welcher Geschichte und ökonomisches Leben verschmolzen sind — ein Symbol suchen, so können wir am besten das Bild eines Kreises dafür verwenden. Alle Punkte der Peripherie sind dem einen Mittelpunkt in gleicher Weise zugekehrt und alle Kreise, die neu hinzuwachsen, ordnen sich um den einen ursprünglichen Mittelpunkt. In ihm sammelt sich alles geistige Schwergewicht, so wie alle Energien von ihm ausgehen. Der jüdische Mensch hat aber nicht nur einen Mittelpunkt; er läßt sich nicht durch einen Kreis symbolisieren. Auf ihn, der im Jüdischen einen genau so bedeutsamen Mittelpunkt hat, wie im allgemein Menschlichen, paßt wohl eher das Bild einer Ellipse mit ihren zwei Mittelpunkten. Es gibt Teile des jüdischen Lebensinhaltes, die dem einen und solche, die dem andern Mittelpunkt näher stehen. Erst in ihrer Summe ergeben die Entfernungen von den beiden Mittelpunkten den ganzen Menschen. Daher mag es kommen, daß der jüdische Mensch die Dinge des Lebens objektiver, nämlich von einer doppelten Stellung aus, sehen kann, daß er kritischer zu sein pflegt und seine besondere Freude •an Witz, Ironie, ja Selbstironie hat, weil es hier auf die Doppelsichtigkeit der Welt ankommt. Die Kunst der Anpassung, der Beweglichkeit, der geistigen 24 34t