Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Der elliptische Mensch
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger Nun gibt es in jedem Menschen eine Vielfalt von Wirgefühlen, denn jeder Mensch steht gleichzeitig in verschiedenen Sondergruppen, ja, das jüdische Wirgefühl selbst ist schon die Verdichtung religiöser, sozialer, historischer Wirschichtungen. Die verschiedenen Wirgefühle können nun in Gegensatz und Kampf geraten, aber doch nur dann, wenn ein ganz persönlicher Fall aktuell wird, der zu einer ganz persönlichen Lösung drängt. Denn die Gesamteinheit des Bewußtseins erträgt auf die Dauer keine Zerrissenheit. Niemals wird das Russe-, Grieche-, Indersein als solches für den Russen, Griechen, Inder gegenüber seinem Familienbewußtsein oder gegenüber dem Allgemein- Menschsein auch nur ein Spannungsmoment bedeuten.. Hier aber liegt der Unterschied zum Juden. Dieser lebt, sobald er sich des jüdischen Wir bewußt wird, in einer standigen dramatischen Situation; immer ist die Frage in ihm latent: wie wird das jüdische Wir mit dem allgemeinen Wir fertig? Was sonst in den Menschen eine Angelegenheit individueller Gesinnung ist, wird hier ein jüdisches Massenproblem. Von der Namengebung des Kindes bis zur Befriedigung der verschiedenartigsten sozialen Geltungstriebe verläßt den Juden niemals das unterdrückte oder verschleierte oder hervorgekehrte Bewußtsein, daß sein jüdisches Wir auf Schritt und Tritt mit dem allgemein-menschlichen den Ausgleich zu finden hat. Dies alles besagt nicht, daß der Jude von Natur aus eine besondere geistige Struktur habe, vielmehr, daß die Verhältnisse, in welche er als denkendes und geschichtliches Wesen hineingestellt ist, jene Spannung zwischen seinem jüdischen Wir und seinem allgemein menschlichen hervorrufen. Denn auch dort, wo alle ökonomischen und kulturellen Wege dem Juden offenstehen, ist das gleiche Symptom zu beobachten. Ich verweise bloß auf die neueste Literatur französischer Juden (Spire, Fleg), auf Beispiele tschechischer Schriftsteller (Fischer), auf die Namensänderungen der Juden in Italien, auf die ängstlichen Bemühungen der amerikanischen Juden, das jüdische Wirgefühl durch Studienanstalten größten Stiles (Hillelschulen) zu fördern. Das hieße ja die Judenfrage sehr oberflächlich betrachten, wenn man sie lediglich als eine Funktion des Antisemitismus gelten ließe. Einer der Gründe für die Spannung zwischen dem jüdischen und allgemeinmenschlichen Wirgefühl im Juden mag darin liegen, daß ihn das jüdische Wir in irgend einer Schichtung mit einem über viele Kulturen, Länder und Zeiten zerstreuten „Wir" verbindet, und daß dieses jüdische Wir hier dem französischen, dort dem englischen, dort wiederum dem russischen fort- 340