Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Der elliptische Mensch
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 339 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der elliptische Mensch Von Friedridi Thieberger Menschen von der Art, wie sie Julius Goldstein in edler Geschlossenheit darstellte, haben mich zuerst gelehrt, die Wirklichkeit des Judeseins nicht von einer erworbenen grundsätzlichen Auffassung aus zu beurteilen, sondern als eine lebendige Gegebenheit, die man hinzunehmen und zu erkennen hat. Für die Selbstentfaltung und das persönliche Ziel im Leben muß leidenschaftliche Entscheidung gelten, für das mitmenschliche Verstehen, für Stunden gerechter Erinnerung gilt ganz gewiß nur. Hinnahme und Erkenntnis. In solchen Stunden erscheint mir die Situation im Bewußtsein des Juden von heute durch eine eigentümliche Spannung gekennzeichnet, die zwischen seinem Judesein und schlechthin. Menschsein besteht. Dabei ist unter Judesein die Zugehörigkeit zu einem deutlich abgrenzbaren, innerlich vertrauten menschlichen Kreis verstanden, dessen Geschichte mit uns .urverwandt ist, und unter Menschsein die atmosphärische Verbundenheit mit der Welt, deren Rhythmus wir als den herrschenden Rhythmus auch unseres gedanklichen, ökonomischen und zivilisatorischen Lebens spüren. Judesein heißt also nicht, abseits vom Menschenwege bleiben, und Menschsein schlechthin heißt nicht, individuelle Besonderheiten ausgemerzt haben. Vielfach hat dieses Allgemein- Menschsein sogar eine nationale Färbung und manchem Juden bedeutet Allgemein-Menschsein soviel wie Deutscher, Franzose, Engländer sein, jedenfalls etwas sein, das aus dem Jüdischen in die sichtbare, also bestimmt getönte Welt hinausführt. Die ständige iimerjüdische Debatte, deren zentrales Thema auch heute noch Ghetto und freie Welt ist, der nicht zur Ruhe kommende Monolog des äußerlich angegriffenen jüdischen Bewußtseins, das mit sich ins Reine kommen will, das sind unüberhörbare Symptome jenes Spannungsgefühles. 339