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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 337

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Julius Goldstein und die Philosophie der Gegenwart
Date
1929-10-01
Page
337 (sequence 4)
Language
German
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Julius Goldstein und die Philosophie der Gegenwart die mathematische Methode von Descartes oder Leibniz, die transzendentale Kants oder die dialektische Hegels tut. Wenn sie eine Methode hat, so ist es die des reinen, voraussetzungslosen „Empirismus", aber nicht des Empirismus der Locke und Hume, der die Erfahrung in isolierte Wahrnehmungsinhalte auflöst und nur diese Schöpfungen einer künstlichen Abstraktion als Grundlage der Erkenntnis anerkennen will, sondern des Empirismus, wie ihn am klarsten William James zum Ausdruck bringt, der jeder Erfahrung, jedem Erleben, auch dem religiösen, Recht werden, der das Bewußtsein in seiner vollen Unmittelbarkeit und Natürlichkeit sprechen läßt. Im Grunde gehört auch der Empirismus Humes, der die ganze Wirklichkeit in eine Summe von „einfachen Ideen" auflöst und nur Gesetze kennt, die diese Ideen in Erwartungszusammenhänge fügen, der Periode einer rationalistischen Metaphysik an, die, wie Goldstein im ersten Kapitel der „Wandlungen" dartun will, endgültig überwunden ist. Eines ist für jede rationalistische Metaphysik — das Wort in diesem weitesten Sinn genommen — charakteristisch: der Versuch, aus einer gegebenen Anzahl letzter Prinzipien alles, also auch alles Zukünftige herzuleiten oder wenigstens als herleitbar anzusehen. Damit aber wird im Grunde jede echte Freiheit, jede eigentliche Neuschöpfung unmöglich, sie fällt als unbegreiflich aus dem System heraus. Ließ man „Freiheit" zu, so geschah dies entweder in deterministischer Umdeutung (Leibniz),. oder durch einen Sprung über das System hinaus, in die Welt des Glaubens, wie bei Kant oder Fichte; und selbst wo — wie bei Fichte — scheinbar die Freiheit so nachdrücklich betont wird, verbindet sich mit ihr eine Geschichtsphilosophie, die den Gang der Geschichte der Menschheit a priori konstruiert über die Gegenwart hinaus, in die ferne Zukunft hinein; d. h. der Metaphysiker Fichte nimmt der Menschheit die Freiheit, die der Moralist Fichte ihr zugesprochen hatte. Demgegenüber tritt der Freiheitsbegriff in das Zentrum der neuen Metaphysik: wir brauchen nur wieder an Bergson zu denken, und die Art, wie er die relative Freiheit, die „schöpferische Entwicklung" in der Entfaltung des Lebens in der Tier- und Pflanzenwelt nachweist, wie er uns in jedem Moment des seelischen Erlebens das Unwiederholbare und noch nie Gewesene, weil die gesamte Vergangenheit in sich Schließende, sehen läßt, wie er in der Zeit selbst — der erlebten, nicht mathematisch „verräumlichten" Zeit — das ewige Symbol des Werdens, also der Schöpfung, der wirklichen Freiheit erblickt. Eine Welt, die der Freiheit Raum läßt, steht auch der schöpferischen Tat offen, führt zu einer aktiven, nicht zu einer kon- 337

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