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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 336

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Julius Goldstein und die Philosophie der Gegenwart
Date
1929-10-01
Page
336 (sequence 3)
Language
German
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Emst von Aster misch sind, die wir bei Nietzsche und bei Bergson wiederfinden, sind eine notwendige Konsequenz des Positivismus; sie bieten die naturwissenschaftliche Erklärung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Wenn aber das Erkennen im Dienst des Lebens steht und ein Organ, eine Funktion des Lebens ist, wie, so fragen wir uns mit Bergson, soll es dann} möglich sein, das Leben selbst zu erkennen? Es schneidet dem Lebenden seine Nahrung zurecht, wandelt ihm die Umwelt in die Form, in der das Leben sie braucht, hebt heraus, was für die Erhaltung des Lebens als Mittel nützlich ist, was der greifenden Hand und dem vorausberechnenden Verstand eine Handhabe bietet. Zeigt das nicht schon, daß das Erkennen nie die ganze und nie die unveränderte Wirklichkeit uns geben kann? Erkennen ist jedoch nicht nur Messen, Rechnen, ursächliches Verknüpfen. Will ich messen und vergleichen, so muß ich ein Etwas haben, das ich vergleiche und an das ich «den Maßstab lege, und dies Etwas muß geschaut werden: Es gibt kein Erkennen ohne Anschauen. Aber das Schauen kann eine größere oder kleinere Rolle spielen. Sehe ich im Messen, Rechnen, Schematisieren, in der Herrschaft von Verstand und Hand über die Dinge Sinn und Ziel aller Erkenntnis, dann wird das schauende Element, der Blick des Erkennenden so eingeengt, daß er nicht das Ganze, sondern nur die Teile, nicht das Fließende, sondern nur die heraushebbaren und wieder erkennbaren festen Punkte, nicht das Neue, sondern nur das Konstante, nicht das Werden, sondern nur das starre Sein, nicht die Seele, sondern nur die Dinge, mit Bergson zu reden: nicht die „Zeit", sondern nur den „Raum" erfaßt. Aber diese andre, Maß und Zahl nicht erreichbare Seite der Welt ist darum doch da, und sie ist eigentlich nicht das, was dem Leben dient, sondern sie ist das Leben selbst. Der Anschauung, der Intuition, die sich von der Bevormundung durch die naturwissenschaftliche Methode frei macht, die voraussetzungslos das Ganze unzerschnitten zu fassen sucht, nicht nurmessend „Tatsachen", „Beobachtungsdaten" fixiert, öffnet sich allein diese Welt und damit die Wissenschaft von der vollen Wirklichkeit, — die Metaphysik. In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich diese neue Metaphysik, an deren Anfang wir nach Goldstein stehen, von allen früheren metaphysischen Systemen, nämlich eben darin, daß sie nicht von einer allein gültigen, abstrakt formulierbaren Methode der Erkenntnis ausgeht; sie versucht nicht, die ganze Wirklichkeit in eine solche allgemeine Methode zu zwängen, wie es 336

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