Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein und die Philosophie der Gegenwart
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 335 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst von Aster: Julius Goldstein und die Philosophie der Gegenwart orientierte sich nicht in erster Linie an den Fragestellungen der „klassischen" Autoren (obgleich seine Schrift „Die empiristische Geschichtsauffassung David Humes" zeigt, daß er der historisch-philosophischen Arbeit nicht fern stand), sondern an dem Lebens- und Weltbild, das unsere Zeit uns vor Augen hält und den Problemen, die es uns aufzwingt. Er war ursprünglich ein Schüler Euckens. E u c k e n, und mit ihm Goldstern, sah in der Philosophie den charakteristischen geistigen Ausdruck einer Zeit, ihres Denkens und Strebens, der Weltansicht, in der der Mensch einer Zeit lebt und leben muß. Philosoph sein heißt, dem dumpfen Empfinden seiner Zeit treffendes Wort und klaren Gedanken leihen. In diesem Sinn war Goldstern ein Philosoph seiner, unserer Zeit und bemühte sich, ihre Zeichen zu deuten. Durch die Philosophie der Gegenwart geht eine Abkehr vom Positivismus und ein starkes Streben nach einer neuen Metaphysik — heute noch weit deutlicher erkennbar, als 1911, da Goldstein in seinen „Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart" nachdrücklich auf diese Tendenz hinwies. Die Abkehr vom Positivismus hängt vor allem mit einem zusammen: mit dem Schwankendwerden des Glaubens an die „exakte Wissenschaft" und ihre eine, überall gleiche, alle Probleme lösende, alle Wege unseres Erkennens abstechende Methode. In der letzten Hälf te des vorigen Jahrhunderts hatte dieser Glaube seinen Höhepunkt erreicht. Ich meine die Zeit, in der der Naturalismus die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst verwischte, Häckels Monismus aus der Naturwissenschaft eine die Religion ersetzende Weltanschauung ableitete, der Marxistische Sozialismus sich den Ehrennamen des wissenschaftlichen Sozialismus beilegte und der atemraubende Fortschritt der Technik die kühnsten Hoffnungen weckte. Dann kam der Rückschlag. Immer deutlicher drängte sich die Einsicht auf, daß es — trotz Kant — kein festes, unveränderliches und auf alle Gegenstände anwendbares System von Begriffen und Methoden, kein endgültiges Kategoriensystem gibt, daß was wir gewöhnlich so nennen, der Substanz-, der Ursach-, der Gesetzesbegriff, zwar auf die „Natur" im Sinn der mathematischen Naturwissenschaft, eben damit aber nur auf einen Teil der Wirklichkeit anwendbar ist. Zu einem Teil war es die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Positivismus selbst, die zu dieser Erkenntnis führte, denn je mehr man das Erkennen selbst naturwissenschaftlich betrachtete, desto mehr sah man in dem TJrsachforschen und unter Gesetzebringen einen biologischen Vorgang, eine Funktion im Dienst des Lebens und seiner Erhaltung. Die pragmatistischen Gedanken, die keineswegs nur in Amerika und England hei- 335