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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 332

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Züge seines Bildes
Date
1929-10-01
Page
332 (sequence 2)
Language
German
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Wilhelm Michel Erscheinungen; er hatte eine geistige Neugierde, eine unglaubliche Ansprechbarkeit, eine glänzende Fähigkeit des Verstehens; er hatte einen weitreichenden Analogiensinn und eine unbegrenzte Genußfähigkeit für Wortprägungen, die geglückte, aufschlußreiche Gestaltungen waren. Aber die Wertwelt, in der dies alles lebte, blieb vom deutschen Idealismus entscheidend bestimmt. Und er selbst blieb im Kern seines Wesens einfach wie ein Kind und schwungvoll bis in die letzte Zeit. Man kennt ihn als Kämpfer. Aber er war seiner Anlage nach viel mehr zur Ehrfurcht als zur Bestreitung gestimmt. Sein kritischer Sinn war wach, aber wacher und bereiter war seine Neigung zum Anerkennen, zur Dankbarkeit, zur Bewunderung. Wenige Menschen habe ich mit gleicher, solidarischer Freude fremde Leistung bejahen hören wie ihn. Auch sein Kampf gegen den Nationalismus — wie schwer täte man ihm unrecht, wollte man diesen Kampf etwa als eine Vertretung jüdischer „Interessen" fassen I Möglich, daß die Erscheinung des Nationalismus ihn nicht so oft zum Sprechen gebracht hätte, wenn er nicht als Jude mit im Schußfeld seiner Angriffe gestanden hätte. Aber das Bewegende seines Kampf es gegen den Nationalismus war ein geistiges, aus deutscher Geisteswelt gezogenes Moment: sein grenzenloses Staunen über diese Art der Verfinsterung, seine tiefe, mit Schauder und Ekel gemischte Ablehnung gegen dämonische, blinde Regungen dieser Art. Je mehr er selber im Inneren Kind war und blieb, desto fremder, ja ich muß fast sagen: desto befremdeter, desto ungläubiger, bestürzter und nahezu fassungsloser stand er vor einer Erscheinung, die ihrer ganzen Tendenz nach dem ewigen „strebenden Bemühen" seines eigenen Wesens schnurstracks zuwiderlief. Man versteht, glaube ich, seine Kampfschriften gegen den Nationalismus nur dann richtig, wenn man sie nicht vor sich sieht als Zorn gegen Zorn, sondern als ein ungläubiges, fassungsloses Kopfschütteln und ein Zureden — wie gegenüber einem Narren in seinem Anfall. Julius Goldstein — ich möchte an das eben gefallene Wort von seinem „strebenden" Naturell anknüpfen — hat Viele erquickt und befestigt durch die Klarheit, mit der er geistige Ergebnisse hinzustellen wußte: haben diese Vielen auch immer gefühlt, wie sehr er selbst dabei stets unterwegs war, stets im Aufblick nach einem weiteren Ziel? Die unendliche „Perfektibilität", die Fichte den Deutschen zuschrieb — hier war sie gegeben; und war auf jüdische Weise gegeben, denn sie drängte immer zur Umsetzung in die Tat. Mit einem ausgesprochenen Sinn für eine ruhende, bleibende Welt war Julius Goldstein 332

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