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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 326

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gedächtnisworte für Julius Goldstein
Date
1929-10-01
Page
326 (sequence 3)
Language
German
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Heinrich Frick Die Erinnerung an den Anfang dieses Werdens führt mich zurück um zehn Jahre. Es scheint mir ein merkwürdiges Zusammentreffen zu sein, daß wir Julius Goldstein an demselben Tage zu Grabe geleiten, an dem die Gedanken unseres Volkes um zehn Jahre zurückwandern nach Versailles. Und doch ist das Inemanderschlingen von öffentlichem Ereignis und ganz persönlicher Empfindung gerade hier besonders am Platze. Es war jene Zeit der tiefen Erregung unseres öffentlichen Bewußtseins und der in jedem einzelnen Dasein bitter empfundenen äußeren und inneren Not, unter deren Aufregungen ich zum ersten Male mit dem Verstorbenen in Berührung kam. Man wurde gefesselt durch die starke und echte politische Leidensdhaft dieses» Mannes, den das Unrecht von Versailles genau so empörte, wie ihn auf jedem anderen Gebiete des menschlichen Zusammenlebens Unrecht in Empörung versetzen konnte. Die Außenstehenden haben aus seinen Gesprächen, Schriften, und vor allem seinen öffentlichen Reden, diese edle Leidenschaft gekannt und bewundert. Aber mir scheint, daß vielfach darüber das Wichtigste an Goldsteins Art vergessen wurde. Wenn er noch in seiner letzten großen Rede das Thema „Volksversöhnung und Völkerversöhnung" zum Gegenstand des öffentlichen Bekenntnisses gemacht hat, so muß man wissen, wie vor seinem geistigen Auge ein solches Bekenntnis zustande kam. Es war für ihn, der das Wort zu meistern wußte, eine für die gegebene Stunde geprägte Losung, es war derjenige Ausdruck, von dem gerade jetzt und hier Gebrauch gemacht werden mußte, in einem Augenblick, da eben dies vom Standpunkt eines verantwortungsvollen sittlichen Denkens zu sagen war. Aber der für die jeweilige Stunde so packend und glücklich gefundene Ausdruck, diese Losung des Tages, erschöpfte keineswegs den Willen, der bewegend hinter dem Wort stand, und noch viel weniger erschöpfte sich in der Formel einer Stunde das Wesen dieses Menschen. Hörte man genau hin, so entdeckte man bald, daß hinter der Meinung eine Gesinnung stand, daß die auflodernde Leidenschaft und das zutage tretende Wort nur der vernehmliche Ausdruck waren einer hinter ihnen verborgenen, tief eingewurzelten Gesinnung. Der Kampf für die politische Gerechtigkeit, nach außen wie nach innen, war nur eine Form eines tieferen, grundsätzlichen Willens zum Rechten, seiner Gesinnungstreue. Auf jedem Gebiete blieb er sich seiner Verantwortung bewußt, im wissenschaftlichen Denken nicht anders als im Handeln des Alltags. Was einen, sobald man dies entdeckt hatte, noch weit mehr als die. 326

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