Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Gedächtnisworte für Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 327 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedächlnisworte für Julius Goldstein Sprachgewalt des Augenblicks zu Julius Goldstein hinzog, das war die einfach3 und doch so große Entdeckung: er tat, was immer er tat, mit ganzem Herzen. Daher war in allen seinen Beziehungen zu Menschen ein selten großes Maß von Sicherheit und Vertrauen. Man konnte sich jederzeit auf ihn verlassen, und davon floß in die sachlichen und persönlichen Beziehungen ein Gefühl hinein, das wir sonst unter uns nur allzuoft vermissen. Allein schon der Gedanke an sein Dasein hatte für viele etwas Stärkendes und Tröstliches. Dies aber führt noch einen Schritt weiter. Man lernte diese Atmosphäre von Zuverlässigkeit, die um ihn war, um so höher schätzen, je mehr man die philosophische Energie in ihm entdeckte. Auch Fernerstehende sahen und spürten heraus, wie gänzlich frei er blieb von der Versuchung, Philosophie und Leben einander zu entfremden. Denn auch sein Denken wurzelte in einer natürlichen, echten Menschlichkeit. Der hochstrebende Sinn für Reinheit und Klarheit, im Begriff wie in der Tat, verleitete ihn nie dazu, einen sogenannten Idealismus zu predigen, der sich über den Alltag erhaben dünkt und über das grobe Leben phantasievoll hinausschwingt. Die philosophische und menschliche Verbundenheit mit Gestalten wie E u c k e n, James, Bergson bedeutete ihm weit mehr als eine philosophische Schulangelegenheit. Er fühlte sich diesen Philosophen wesensmäßig verwandt in dem Verständnis von Denken als Dienst am Lebendigen. Daher die Fülle menschlicher Beziehungen, die von ihm ausgingen! Das, was uns sonst einander fremd macht, der Unterschied von Klasse, Partei, Religion und tausenderlei anderem, wurde unwesentlich, sobald einen das Menschliche berührte. Die Verbundenheit blieb darum unbelastet durch abweichende Meinung oder- Verschiedenheit des Urteils. Ob man im Einzelfalle mit Julius Goldstern gehen konnte oder nicht, das war nebensächlich im Vergleich mit der Hauptsache: man wußte, daß er in jedem Falle sich rücksichtslos einsetzte für das, was er mit Worten äußerte. Fragt man nun nach den Grundlagen für seine geistige Gestalt, so kann man nur mit Bewunderung feststellen, daß er in vorbildlicher Weise Traditionen lebensnaher Philosophie und deutschen Seelentums in sich vereint hat. Gerne berief er sich auf Goethe, um sich selber und andere vor allgemeinen Begriffen und dünkelhaftem Wesen als zwei Unglücksmächten zu warnen; gern auch und immer wieder kehrte er zu dem unversieglichen Born deutscher Dichtkunst zurück, um sich durch Zucht der Sprache und Zucht 327 23*