Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Von allerlei Büchern [Rezension]
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 301 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Von allerlei Büchern Lazar Gulkowitsch1) einen klugen und eingehenden Bericht über die religionsphilosophischen Anschauungen, die hervorragende Vertreter dieser Lehre hatten. Besonders gelungen ist die Schilderung, wie in den ersten Chassidim dem Gebet seine Stellung als Akt persönlicher Frömmigkeit wiedergegeben ward und die Erstarrung, in die es geraten war, gelöst ward. Es müßte übrigens einmal viel deutlicher gezeichnet werden, wie im Chassidismus Aufgaben auftauchten, die ganz denen entsprechen, die i5o Jahre später die Reform zu lösen sich anschickte, die eigentlich der Chassidisdismus besser zu lösen berufen und imstande gewesen wäre und warum er sie nicht löste, sondern den Knoten nur noch fester schürzte. Chassidim in ihrer Exstase und ihrer Aufgewühltheit vor uns aufleben zu lassen, ist Sinn von Arthur Sakheims Drama „Der Zaddik".2) Es ist die Geschichte eines Zaddik, der die Aufgabe seiner Ahnen fortsetzen soll, Erlösung zu beschleunigen, Erlösung zu erzwingen, und der nicht weiß, daß in ihm — der ganz in der Gedankenwelt der Väter lebt — doch nicht das Blut der Väter rollt. Es ist nicht unser Judentum, das hier vor uns auf getan wird; aber auch diese Welt des Judentums hat es gegeben, und auch in ihr war jüdischer Wille. Ob das Drama bühnenwirksam sein wird, kann nur die Aufführung lehren. Im Lesen wird man ergriffen von der Extase der Sprache, deren Glut und Zerrissenheit zugleich das Feuer des ewigen Sehnens, der unendlichen Liebe widerspiegeln soll und die Zweifel und Erlebnisgebundenheit, die diemenschliche Seele zerreißen. In die sterbende Welt des Chassidismus führt ein Roman von Opatoschu3) ein. Als Roman selbst ohne besondere Kraft; keiner der in ihm bezeichneten Menschen gewinnt wirkliches Leben, aber man liest ihn doch mit Spannung; denn es ist reizvoll, in die Zeit und die örtlichkeit Einblick zu gewinnen, da in der Führerschicht der Chassidim der Zweifel Einzug hält und in der Masse ein nationalpolnischer Patriotismus wach wird, der sie, zur Synthese noch unfähig, aus dem Judentum herausgleiten läßt. Einen außergewöhnlich starken Eindruck hinterläßt eine sprachwissenschaftliche Untersuchung des Dozenten Torczyner.4) Er untersucht das Werden der Sprache und entwickelt in dem vorliegenden Werke mit kräftigen und überzeugenden Gründen den Gedanken, daß die heute als Plural bezeichnete Form des Wortes nicht eine durch eine Pluralendung erweiterte Form sei, sondern, daß sie in den meisten Fällen die ursprüngliche Form darstelle, aus der später einmal durch logisches Urteil ein Singular abgeleitet sei. Form und Bedeutung aller Wortformen im Semitischen, im Indogermanischen und in jeder Sprache seien vom Plural aus zu erklären. Diese Theorie *•) Veröffentlichungen des Forschungsinstitutes für vergleichende Religionsgeschichte an der Universität Leipzig. II. Reihe, Heft 6. Lazar Gulkowitsch Der Chassidismus. Eduard Pfeiffer Verlag, Leipzig 1927. 81 S. 3.5o Mk. 2) J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M., 1929. 92 S.; brosch. 2.5o Mk. 3) Opatoschu, Der letzte Waldjude. Verlag des Heine-Bund, Berlin. 3n S. 7-5o Mk. *) Harry Torczyner, Der numerus im Problem der Sprachentstehung. Berlin 1928. 27 S. Sonderdruck aus dem 45. Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 30t