Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Die Weltkonferenz jüdischer Frauen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 290 (sequence 3)
- Language
- German
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Lise Leibholz einer vorangegangenen Bewegung aufbauen können. Und dann „die Kommenden", die die Widerstände und Hemmungen der Vorkämpferinnen bereits überwunden haben, die sich vor neue große Aufgaben durch die Weltkonferenz gestellt sehen, und die in freudigem Schaffen in die Zukunft der Menschheit hinausbauen wollen. Keine Phrasen, keine Schlagworte, kein jugendlich überschäumender, ungezügelter Tatendrang offenbart sich in der jüngeren Generation. Diese jungen Frauen, die fast ausnahmslos durch die Schule der Berufstätigkeit hindurchgegangen sind, vertreten ihre Sache mit der Sicherheit, Sachlichkeit und Verantwortung der Wissenden, mit der Klarheit, die sich bewußt auf die reichen Erfahrungen und die Lebenslehren der Älteren stützt. Die Weltkonferenz jüdischer Frauen hatte drei große Aufgabengebiete in den Vordergrund der Arbeit gestellt: i. Jüdische Religions- und Erziehungsfragen, 2. Soziale und Gemeinde fragen, 3. Internationale Angelegenheiten. Die englische Juristin Miß Lizzie Hands (London) eröffnete die Reihe der Referate mit einer Darstellung der jüdischen Heirats- und Scheidungsgesetze und ihre Gegensätze zumZivilrecht.Nach einer Statistik Miß Hands leben in Osteuropa und im Orient etwa I\ Millionen Jüdinnen, für die das rabbinische Gesetz einzige Autorität in allen Angelegenheiten des Frauenlebens darstellt. Vergrößert wird diese Zahl durch Tausende von Jüdinnen in Westeuropa, denen das Staatsrecht zwar eine abweichende Haltung gestattet, die aber beharrlich den religiösen Gesetzen anhängen. Die Einführung eines bürgerlichen Familienrechtes würde von diesen Jüdinnen niemals ohne Sanktionierung durch einen religiösen Führer anerkannt werden. Die ungeheuren Schwierigkeiten der religiösen Scheidung, der kinderlosen Witwe (Chaliza-Problem), der Eheschließung mit Priestern, des Erbrechts, das Fehlen jeglicher Register, die Vielehe der Sephardim, alle diese Probleme wurden durch das Referat auch jenen Frauen nahegebracht, die als Staatsbürgerinnen eines Landes unter dem Gesetzesschutz eines modernen Staates stehen. Miß Hands schlug vor, daß die Weltkonferenz jüdischer Frauen mit aller Macht die Einberufung einer Rabbinerkonferenz anstreben solle. Diese zentral rabbinische Behörde müßte sich mit einer Neuregelung der Stellung der Frau im rabbinischen Gesetz befassen, die auch die Orthodoxie überzeugt, damit solche Maßnahmen nicht im Widerspruch mit dem Religionsgesetz stehen. Forderungen in Erziehungsfragen u.n d bevölkerungspolitischen Aufgaben der jüdischen Frau faßte Frau Siddy W r o n s k y (Berlin) nach einem aus großen persönlichen Erfahrungen schöpfenden Referat in folgende außerordentlich beachtliche Leitsätze zusammen: 1. „Erziehung bedeutet Erhaltung und Entwicklung des Menschen. Ihre Voraussetzung ist Erkenntnis der Entwicklungsgesetze und der Erziehungsmaterie, sowie Anerkennung der Pflicht der Gesellschaft zur Erziehung." 2. „Die Erziehungsprobleme unserer Zeit finden ihre Voraussetzung in der Änderung der Umwelt der Menschheit, der Neugestaltung der Erkenntnis- und Erziehungsmethoden und der Gefährdung der Menschenmaterie." 3. „Eine Reform der Erziehung bedingt 290