Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Die Weltkonferenz jüdischer Frauen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 289 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899886--03720-2899988- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lise Leibtolz: Die Weltkonferenz jüdischer Frauen hat? Keine geschlossene Hauswirtschaft gibt der tätigen Frau Gelegenheit, ihr ehrgeiziges Streben im Spinnen und Weben, im Knüpfen des Teppiohs, im Bakken des Brotes zu zeigen. Wer die Führerinnen der Weltkonferenz jüdischer Frauen miterlebt hat, der mußte fühlen, daß nicht ehrgeiziges Streben der Frauen veranlaßt, ihren Wirkungskreis an wirtschaftlicher, geistiger, charitativer und sozialer Tätigkeit über den Rahmen der eigenen Häuslichkeit auszudehnen, sondern daß sie alle im Dienste einer zu tiefst jüdischen Verpflichtung standen, wenn sie gemäß ihren Leitsätzen sich „als Jüdinnen der ganzen Welt unter dem Gedanken der Solidarität vereinen, ohne die nationalen Gefühle der Einzelnen und ihre praktische Betätigung in ihren Heimatländern berühren zu wollen, um Verständnis für die Kultur der Juden in der Welt zu schaffen, die Gegensätze der Juden untereinander zu vermindern und die Leiden der Juden in der Welt zu lindern." Der stärkste Persönlichkeitszauber ging von der Anregerin und Präsidentin der Konferenz, Rebekah Kohut (Amerika) aus. Dem in der Gelehrtenwelt bekannten Rabbiner Kohut war sie als ganz junges Mädchen zweite Gattin und Mutter seiner sieben Kinder geworden. Eigene Kinder hat sie nicht gehabt, aber nicht nur den Kindern ihres Mannes, leidenden Kindern in aller Welt ist diese mütterliche Frau der gute Engel ihres Lebens geworden. Das breitflächige, großlinige Gesicht dieser fast Siebzigjährigen ist ein Spiegelbild ihres Wesens. Die Schönheit dieses Frauenantlitzes liegt in seiner Harmonie, seiner Ruhe und unbewußten Hoheit. Eine große Güte, Verstehen für andere strahlt von dieser Frau aus, eine Güte, die gepaart ist mit Selbstzucht, Sachlichkeit, Aktivität und Weltklugheit. In sachlicher Strenge und politischer Geschicklichkeit führte Frau Kohut die Verhandlungen, und mit weiblichem Charme repräsentierte sie die Frauenversammlung bei dem Senatsempfang durch Hamburgs Oberbürgermeister Dr. Petersen, bei den geselligen Veranstaltungen der Deutschisraelitischen Gemeinde Hamburg, des Hamburger Israelitischen humanitären Frauenvereins und bei der Familie Warburg. Drei Frauengenerationen waren Sprachführer für die religiösen, geistigen und wirtschaftlichen Nöte der jüdischen Gemeinschaft. Die Generation, die die ersten heißen Kämpfe um die Befreiung und Rechtsstellung der Frau mitgefochten hat, gruppiert sich den Jahren und der Lebenserfahrung nach um Rebekah Kohut, um Bertha Pappenheim, die, wie sie schrieb, nicht aus Altersschwäche, sondern aus Altersstärke der Tagung fern blieb, um die kluge betriebsame Sidonie Werner und die ewig jungen, geistreichen und liebenswürdigen Paula Ollendorff und Ernestine Eschelbacher. BettinaBrenner, die zielbewußte und charmante Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes von Deutschland, Anitta Müller-Cohen (Österreich), die ihr organisatorisches Talent in den Dienst der sozialen Arbeit ihrer Vaterstadt Wien und ihre heißblütige Liebe, ihre Rednergabe als Führerin österreichischer Zionisten dem Palästinawerk dienstbar macht und Ruth Eichholz (London), Vorsitzende der Union of Jewish Women, charakterisieren die Generation, die von dem Samen erntet, den die ersten Pionierinnen der Frauenbewegung legten, und die auf die Erfahrungen 20 289