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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 288

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Die Weltkonferenz jüdischer Frauen
Date
1929-08-01
Page
288 (sequence 1)
Language
German
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Die Weltkonferenz jüdischer Frauen vom 3» bis 6. Juni 1929 in Hamburg Von Lise Leibholz Bemard Shaw, der sich in jedem seiner Werke, seinen Dramen und Kritiken mit dem unerschöpflichen Problem der sozialen Fragen auseinandersetzt, will in seinem „Wegweiser für die intelligente Frau zum Sozialismus" den gescheiten, aufnahmefähigen Menschen, der durch Parteimeinungen verwirrt ist, erziehen und wissend machen. Die intelligente Frau soll verstehen lernen, „daß der künftige Prophet der Menschheit ein Sozialpolitiker sein wird, der menschliches Schicksal in weitestem Sinne national und übernational schöpferisch neu gestalten wird". Wenn Shaw eine erledigte Frage neu aufwirft, dann ermahnt er seine Schülerinnen, zuerst selbständig zu denken, aber, so fährt der Dichter fort, „mit Selbständig-Denken meine ich nicht, daß sie sich jeder fremden Meinung verschließen sollten". Die jüdischen Frauen aus Deutschland, Amerika, Belgien, England, Frankreich, Holland, Lettland, Österreich, Palästina, Polen, Polnisch-Oberschlesien, der Schweiz und der Tschechoslowakei, die sich vom 3. bis zum 6. Juni d. Js. in Hamburg zu einer Weltkonferenz jüdischer Frauen getroffen hallen, brachten etwas vom Geiste dieses „Voltaires unseres Zeitalters" mit. Selbständiges Denken, ernstes und sachliches Auseinandersetzen mit fremden Meinungen, ein weites Gefühl für menschliche Zusammenhänge und Beschäftigung mit den Problemen, die auch Shaw uns wieder nahebringt: Religion und Erziehung, Kultur und Bildungswesen, Ehe und Bevölkerungsfragen. Wie die fünf Töchter Zelofchachds vor Mose um ihr Erbrecht kämpfen, so kämpfen die Jüdinnen um das Recht der Frau in der jüdischen Gemeinschaft, um ihre Pflicht zur Mitarbeit an der jüdischen Gesamtheit, denn „ein Internationaler jüdischer Frauenbund soll dem Gesamtwohl des Judentums dienen". Es ist von orthodoxer, und nicht nur von männlicher, Seite die Frage aufgeworfen worden, ob durch das Heraustreten der Frau ins öffentliche Leben nicht das altjüdische Ideal der Frau verloren geht. Haben die Zweifler sich schon einmal überlegt, ob dieses Vorbild nicht gerade dadurch gefährdet ist, daß man die Frau und ihren Pflichtenkreis auf eine Heimstätte beschränken will, die den Zeiten entspricht, als das Ideal der Esches chajil in den Sprüchen Salomos aufgestellt wurde? Vergißt man, welche Veränderung der Häuslichkeit sich in Jahrhunderten — und am stärksten in unserem Zeitalter der Technik — vollzogen 288

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