Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Internationale jüdische Frauenarbeit
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 286 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hannall Karminski will es bei einem Rückblick scheinen, das Aufeinanderangewiesensein durch soziale Not erst etwas überwunden, werden, damit dieses — über allem Zweckhaften stehende — Solidaritätsgefühl voll erblühen konnte. Das bedeutet keine Ausschaltung gemeinsamer sozialer Aufgaben! Wenn von diesen in Hamburg weniger gesprochen wurde als in Wien, so beweist das nicht, wie mancher meinen könnte, daß Fragen, wie Bekämpfung des Mädchenhandels,, Kinderschutz usw., heute weniger wichtig genommen werden. Im Gegenteil; die Bearbeitung dieser Fragen hat zur Erkenntnis der über das Soziale hinausweisenden Ursachen, die internationalen Zusammenhänge geführt, und im großen Rahmen dieser Fragen sucht man jetzt diesen Teil-Erscheinungen nachzugehen. Soziologisch führen diese Untersuchungen zu dem wichtigen, international noch wenig erforschten Gebiet der Bevölkerungspolitik, der Beobachtung und dem Verständnis der Gesetzmäßigkeit, die das Leben der Juden in den verschiedenen Ländern regelt. Wenn die Erkenntnis dieser Gesetze das Bewußtsein der Frauen mehr durchdringen wird, so wird — das ist zu hoffen — auch die Kraft der Frau Wege zur Überwindung der hier drohenden Gefahren (Mischehe, Geburtenrückgang, Selbstmordhäufigkeit usw.) finden. Frauenfragen im engeren Sinn gilt es zu lösen durch immer tiefere Einfühlung in die rechtliche Stellung der Jüdin, die, ohne sie schützende Staatsgesetze anerkennen zu können, durch jüdisches Ehe- und Scheidungsrecht, dem Geiste jüdischer Auffassung widersprechend, oft zur Verkümmerung ihrer Frauen- und Mutterkräfte verdammt ist. (Probleme der Agunos, Scheidungsrecht, Chalizah usw.). Der Frauenüberschuß in fast allen Ländern auf der einen Seite, die immer noch mehr oder minder bewußt herrschende Anschauung von der „Schande" der unverheirateten jüdischen Frau andererseits, müssen zu einer bewußten Stellungnahme zu den Fragen der Ehe, sowie der Lebensgestaltung der alleinstehenden Jüdin führen. Zum Idealbild der jüdischen Frau, das jüdische Tradition uns überliefert hat, muß noch der Typus der jüdischen Frau hinzugefügt werden, die ohne die Möglichkeit der Ehe, als Frau und Jüdin „in geistiger Mütterlichkeit" gewertet wird. In gemeinsamer Front mit den Frauen aller Konfessionen muß die jüdische Frau aller Länder ihre wachsende Einflußnahme auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und alle sich ihr bietenden Möglichkeiten in der Erziehung der 286