Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 278 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger Das Land Palästina und seine Bewohner bis zum Emdringen hellenischer Kultur, dann die „Privataltertümer" (Nahrung, Kleidung und Wohnung; die Familie und ihre Sitte; die Gesellschaft; die Berufsarten; die Wissenschaften; Maß- und Münzwesen; die Kunst), die „Staatsaltertümer" (Verfassung und Verwaltung, Recht und Gericht, das Kriegswesen) und endlich die „Sakralaltertümer" (der Ort des Gottesdienstes in den verschiedenen Zeiten, die Priester, Opfer und Feste, die Vorstellungen von Rein und Unrein) werden hier mit der vielleicht etwas zu weit getriebenen Tendenz, die Kultur Israels als „Nuancier ung einer vorderorientalischen Gemeinkultur" hinzustellen, in ausgezeichneter Weise unter Verwertung des großen Ertrags der Ausgrabungen und mit sehr zuverlässigen Quellen und Literaturnachweisen vorgeführt: ein Durchblick durch die Welt des Alten Testaments wie er anschaulicher nicht gedacht werden kann. Das Riesenmaterial ist hier in bewundernswerter Weise bewältigt, wenn man auch die Schlußfolgerungen und Thesen Benzingers als viel zu bestimmt empfindet, etwa (S. 176) daß die Keilschrift auch bei den Hebräern die Schrift der Religion und der Verwaltung bis auf Hiskia gewesen sei. Man hat bei derartigen typischen unbewiesenen Behauptungen immer wieder Ursache, sich darüber zu wundern, daß im Schrifttum der protestantischen Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft so oft statt der einfachen Feststellung der Lückenhaftigkeit des Stoffes, die einen sicheren Schluß nicht gestattet oder statt der Abwägung von Wahrscheinlichkeitsgraden oder gar an Stelle von vagen Möglichkeiten, um die es tatsächlich vielfach geht, strikte und uneingeschränkte Affirmationen gesetzt werden. Selbst Rudolf Kittel, der Leipziger Altmeister der Wissenschaft vom Alten Testament, der gründlichste Erforscher und Darsteller der alten Geschichte Israels, an dessen großem Geschichtswerk man das vorsichtige Abwägen der verschiedenen Möglichkeiten, das Graben bis auf die Wurzeln und eine weite Berücksichtigung der ganzen Kultur- und Geisteswelt der Nachbarn Israels mit Recht rühmt, genügt den Forderungen einer philologisch und historisch einwandfreien, die Grundprinzipien einer elementaren mathematischen Wahrscheinlichkeitslehre beobachtenden Beweisführung häufig nicht. Den gleichen Mangel weist eine der besten, übersichtlichsten und reichsten Darstellungen des gesamten Stoffes, die Geschichte der israelitischen Religion von Gustav Hölscher auf. Hölscher, der Bonner Theologe des Alten Testaments, der Nachfolger von Meinhold, weicht in wesentlichen Grundfragen von der „herrschenden" Lehre ab. Er hat gegen Greßmann eine vorexilische jüdische Eschatologie energisch bestritten und versetzt auch die Abfassung des heutigen 278