Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 274 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger Tonart und Methode der folgenden für den gegenwärtigen Stand der alttestamenüichen Forschung bezeichnenden Darstellung. „Aach als die Erklärung (nämlich, daß das Wort Jehova aus einem Mißverständnis entstand) gefunden war, dauerte es noch lange, bis sie allgemein angenommen wurde — auch Ranke schreibt „Jehova" — und von dem Alttestamentier Ewald in Göttingen wird erzählt, daß, als er einmal bei einer akademischen Feier das Gebet zu sprechen hatte, er es begann: «Jahwe, wir erscheinen vor Deinem Angesicht, Jahwe, wir bitten Dich, Jahwe, den der unwissende Kollege Gesenius in Halle noch immer Jehova nennt» (Hans Delbrück, Weltgeschichte I, 94)- Ebenso schnurrig ist dann die weitere Behandlung der tausendjährigen jüdischen Geschichte- In den Sätzen über die Begründung der jüdischen Theokratie der Neuordnung des Priestertums durch Esra steckt die Grundauffassung Delbrücks, die alte theologische Thesen weiterschleppt; hier heißt es (S. 127): „Unter der Herrschaft dieses Priestertums verpuppt sich die Gottesverkündigung der Propheten in eine kleinliche Heils- und Zuchtanstalt. In dem Schauen des Jesaias hatte Israel der Missionar des ihm geoffenbarten Gottes bei allen Völkern werden sollen. Statt einer für alle Welt gültigen Norm der Gerechtigkeit ist aber ein jüdisches Ritualgesetz aufgestellt worden, das das Heil der Seele in äußere Formen setzt, durch die freilich die ganze Erhabenheit und Innigkeit des von den Propheten gewonnenen ethischen Monotheismus immer wieder hindurchleuchtet." Diese Art der Geschichtsschreibung kann sich über die jjhistorische Belletristik" von Außenseitern nicht beklagen, denn sie widerspricht der Grundforderung, die wir an die wissenschaftliche Beurteilung der Schriften des Alten Testaments genau so wie an die andrer antiker literarischer Denkmaler und historischer Urkunden stellen, nämlich der Forderung, einen Text, eine Situation aus sich zu erklären und zu deuten und nicht mit — noch dazu dogmatischen — Maßstäben einer selbst wieder fragwürdigen, durchaus zeitlichen und zufälligen Kulturlage wie der des liberalen Protestantismus des 19. Jahrhunderts. Fragestellung und Fragebeantwortung Delbrücks zeigen überall noch das vorwissenschaftliche Stadium der isolierten alttestamentlichen Forschung, in welcher das Eigenleben, die „Eigenbegrifflichkeit" des Gegenstandes noch nicht erkannt war. „Von dem Sabbath darf man als sicher annehmen, daß er nicht israelitischen Ursprungs ist" (S. 121). „Um dem Volk das so überaus harte Gesetz (der im Jahr 444 ausgegebene Priesterkodex ist gemeint) auferlegen zu können, wurde es ihm dargestellt als das uralte, von abtrünnigen Geschlechtern vergessene Gesetz der Väter" (S. i3o). „Die er- 274