Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 261 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden bei Paui Claudel zösische Botschafter gleichwohl der Führer der politischen Intrigue gegen den Papst. Für uns hier ist wichtiger als dieser nicht ganz klare Zusammenhang die Tatsache, daß Louis nun tatsächlich seit einem viertel Jahrhundert oder länger mit Sichel, der geborenen Jüdin, verheiratet ist. Sie haben eine Tochter, Pensee. Sie ist das Kind zweier Menschen, die sich nicht in die Augen blicken konnten — es gibt einen Augenblick in dem „Harten Brot", wo sie von ihrem künftigen Kind sprechen und sich dabei vergebens anzusehen suchen — und. Pensee ist blind! Sehr, sehr schön, aber blind! Die . Gestalt dieser blinden Halbjüdin (von Claudel mit der höchsten dichterischen Zartheit und Kraft gestaltet) ist offenbar mit sinnlicher Bedeutung nicht nur einfacher Art beladen. Zunächst ist im streng katholischen Sinne an die „Synagoge" gedacht: „Ich bin wie die Synagoge einst, so wie sie dargestellt wurde im Portal der Kathedralen. Sie haben mir die Augen verbunden, und alles, was ich fassen will, ist zerbrochen." Für den strenggläubigen Katholiken ist und bleibt ja der Jude außerhalb des erlösenden Lichts. Aber nicht nur der Jude! Sondern wie viele noch, die sich Christen nennen. Es steht in diesem Drama Claudels dieser großartig erbitterte Dialog: Pensee: „Eine Seele, wie meine, nicht mit Wasser wird sie getauft, sondern mit Blut! Orian: In jenem Wasser war das Blut eines Gottes enthalten. Pensee: Habe ich verlangt nach diesem Wasser? Orian: Aber dieses Blut habt ihr vergossen. Pensee: Diesen Gott haben wir euch geschenkt. Ach, ich weiß, wenn es einen Gott für die Menschheit gibt, vermochte er nur aus unserem Herzen eines Tages hervorzugehn! Orian: Ist er nicht daraus hervorgegangen? Pensee: Was habt ihr angefangen damit? Haben wir ihn euch darum geschenkt, Daß die Hauswirte ihren Mietzins einstreichen? daß die Rentner essen und trinken? daß halb närrische Könige über verblödete Völker herrschen? Und daß da, wo die alten Könige fallen, scheußliche Advokaten auferstehn zu ihrer Vertretung in langen schwarzen Hosen." Hier wird, seltsam fest mit dem Negativen verbunden, das positive Gefühl deutlich, das Claudel für das Judentum hat. Denn es ist das Volk der ewigen Sehnsucht, das immer unstete, das mit seiner Erwartung den Messias herbeizwingt. Und in dieser fürchterlichen Spannung, die an allem Irdischen vorbeisieht, wird die Blindheit dieses Mädchens zu einem positiven Symbol! Erinnern wir uns, daß Claudel nicht den Tag, sondern die Nacht, nicht den 261