Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 259 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden bei Paul Claudel ist auch hier für Claudel der einzige, höchste Wahrheitsbeweis. Aber die anderen nehmen weder dieses Polen noch ein anderes Vaterland ernst. Louis, der Kolonist in Afrika, wirft das uralte Erbe der Coufontaines gleichgültig weg: „Was für ein Stumpfsinn, so an diesem alten Boden zu kleben, wenn's andern gibt, ganz neuen, glühheißen, von dem ihr haben könnt, was ihr nur wollt." und so sagt er: „Es gibt kein anderes Vaterland als sich selbst. Aus Polen ist nichts geworden? Macht nichts! Solche Vaterländer gibt's mehr als genug." Darauf antwortet ihm Loumir: „Du sprichst wie Sichel." Und ein andermal sagt sie: „Das ist das Gespött, das ihr alle an mir verübt, Ali, Sichel, Dein Vater, all die Juden rings um uns her." Hier wird ganz deutlich, daß der „Jude" nur Sinnbild ist für die völlige Entwurzelung des Menschen in dieser Epoche, für das durch keinerlei Glauben und Sinn mehr gehaltene Geschöpf, mag es nun arischer oder semitischer Abstammung sein. Dabei handelt es sich eben nur um den im Emanzipationsprozeß vom Urväterschicksal abgelösten und in keinen anderen Zusammenhang wahrhaft eingestellten Juden. Aus ihm, dem jahrhundertelang Unterdrückten und Mißhandelten springt dann ein rasender Eroberungswille auf, und Liebe und Haß verknaulen sich furchtbar, im Gefühl für die anderen, die Freien, die Berechtigten. So furchtbar wie in diesem Ausbruch der Sichel: „So viele hundert Jahre sind wir jetzt schon ausgeschlossen von der Menschheit! Soviel hundert Jahre sind's bei uns, daß man beiseite gelegt worden ist wie Gold in eines Geizigen Säckel! Das Tor geht auf, weh denen, die uns losgelassen! Wehe dir, schöner Hauptmann! loh liebe dich, und du sollst sehn, daß Ich die Tochter des Hungers bin und des Durstes! Du bist schön! Wir sind nämlich nicht stumpfsinnig! Das Tor ist endlich aufgegangen! Ach, ich verleugne meinen Stamm und mein Blutl Mich ekelt vor der Vergangenheit! Ich trample darauf herum, speie darauf! Dein Volk soll mein Volk sein, und dein Gott soll mein Gott sein. Ich werde dir zu eigen sein, du schöner Hauptmann, und du sollst sehn, ob ich dir nichts nützen kann." •Israel hat „Demütigung getrunken, wie starken und teuern Wein, der heiß macht und zu Kopf steigt". Und so stehen diese Menschen, ob von Christen oder von Juden entstammt, da, in dem entsetzlichen Gemetzel der Eigensucht: „Gemüt ist überflüssig und Frieden auch . .. 259 18*