Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 258 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Julius Bab VI. Da nun dieser Dichter von hoher Geistigkeit und großer Kunst in das gräßliche Drama der Auflösung auch zwei jüdische Gestalten gesetzt hat, die an dem allgemeinen Wechselmord kräftig teilnehmen, so beunruhigt ihn der Gedanke, daß man nach der bequemen und flachen Denkart der Zeit hier einen Ausdruck von vulgärem Antisemitismus finden könne, und er hat deshalb seinem Stück eigens eine „Anmerkung" mitgegeben, die so lautet: „In diesem Drama, zu dessen stofflicher Grundlage der Einsturz der Schranken und der Zusammenprall der Rassen gehört, mußten Juden unter allen Umständen auftreten. Sie vielleicht stellte die Trennung vom Zustand ihrer vorzeiten erduldeten Unterjochung in Religionsübung und Rechtsverhältnissen, die Ablösung von ihrem Zeugenschaftsposten vor die schwierigste Frage. Wenn Ali und seine Tochter dem Leser unsympathisch vorkommen — nicht ärger, als meine anderen Personen — so möchte ich nicht, daß man darin das Anzeichen für irgendein allgemeines und zusammenfassendes Urteil meinerseits sehe. Dies sind vom Stück aus bedingte Figuren, nichts sonst, und ich war nur ihr erster Zuschauer. Die Sache des Judentums ist zu mächtig und zu erhaben, das jüdische Volk ist vor dem Angesicht Gottes zu bedeutend, als daß es möglich wäre, in dieser beiläufigen Art und Weise davon zu handeln. Ich bemerke ferner, daß ich gerade unter den Juden einige meiner nächsten Freunde gefunden habe. Ich möchte keinem von ihnen weh tun und bitte sie, über meine Absichten nicht vorschnell zu urteilen." Es ist ganz offenbar richtig, daß Claudel hier nicht Juden an sich darstellen wollte, sondern typische Träger der eben völlig entfesselten bourgeoisen Epoche. Mit dieser Welt, die an nichts mehr denkt und glaubt als an den nackten Gewinn, und die (nach Claudels Ueberzeugung) eben deshalb Revolution, Freiheit, Emanzipation proklamiert hat, erhält hier auch das Judentum seine Prägung, das ursprünglich völlig anders — nämlich im höchsten Maße an das Absolute gebunden gewesen ist. Sehr charakteristisch sagt Sichel einmal: „Wir Juden haben nicht den kleinsten Fleck Erde wie ein Goldstück so schmal, auf den wir den Fuß setzen könnten und sagen: das ist unser, das sind wir, da sind wir zu Hause, das ist um unsertwillen da. Gott allein ist unser." Aber wenige Augenblicke später sagt sie: „Es gibt keinen Gott" — und also hängt der glaubenslose Jude völlig im Leeren und wird der schrecklichste Ausdruck der Entfesselung: „Zu uns hat die ganze Menschheit Nein gesagt und aus diesem Nein sind wir geschaffen." Die Loumir hat noch etwas, was ihr als Glaubensersatz dient: diese rasende Idee des irdischen Vaterlandes, für das sie sterben will; und der Tod 258