Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 257 (sequence 8)
- Language
- German
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Juden bei Paul Claudel Verschwörung gehörte, das von Emigranten zur Befreiung des Vaterlandes gesammelt war. Aber jetzt schlägt ihr Gewissen, und sie will das Geld unbedingt wieder haben. Außerdem ist Louis am Ende und braucht weitere zehntausend Francs, um nicht seinen Grund und Boden mit allem, was er hineingesteckt hat, zu verlieren. Aber die Gläubiger sind Ali Habenichts und der eigene Vater, dem er seinerzeit nur unter heftigen Kämpfen das mütterliche Erbteil abnehmen konnte und der es jetzt zurückerobern will. Der Alte hat eben von Ali für den Verkauf seines Gutes zwanzigtausend Francs bekommen. Loumir. und Louis, der zurückerwartet wird, wollen das Geld. Aber der Alte denkt gar nicht daran, es herzugeben. Er möchte vielmehr dem Sohn diese polnische Freundin wegnehmen! Sichel ihrerseits spielt mit dem Gedanken, den Alten zu beseitigen, um das Erbe und den Sohn Louis zugleich zu gewinnen. Sie hat dem alten Turelure eingeredet, er müsse ihr sein ganzes Vermögen überschreiben, damit der Sohn, vor dem er sich fürchtet, durch seinen Tod nichts mehr zu gewinnen habe. Loumir sieht in ihrer Verzweiflung auch keinen Ausweg als den Tod des Alten. Sie hetzt in einer fürchterlichen Unterredung den Sohn, der schon ohnedies aufs äußerste gebracht ist, und drückt ihm zwei Pistolen in die Hand, von denen die größere geladen,, die kleinere aber leer sei; die solle er zur bloßen Bedrohung benutzen. Im Zusammenstoß zwischen Vater und Sohn greift dann Louis wirklich zur Waffe, die Pistolen gehen nicht los, aber der bloße Schreck genügt; der entwurzelte Alte fällt leblos hin. Nachher stellt sich heraus, daß die Polin beide Pistolen geladen hatte! Loumir zieht mit dem gewonnenen Geld davon nach Polen in die Verschwörung, in den Tod. — Sichel aber erobert durch den Schuldschein, den sie mit wohlberechneter Geste vor seinen Augen zerreißt, nun wirklich Louis, den Erben von Coufontaine; und Ali Habenichts erwirbt schließlich den alten, riesigen bronzenen Kruzifixus für vier Franken das Pfund. Man sieht, hier ist eine Hölle losgelassen, hier wird mit bewußter Schärfe dargestellt, wie es für eine entgötterte, von keinerlei Glauben mehr zusammengehaltene Welt keinen Schutz und keine Schranken mehr gibt, wie alles in Verbrechen und Verzweiflung stürzen muß. Dabei hört Claudel in keinem Augenblick auf, ein Dichter zu sein und daraus folgt: er ist kein Moralist, er malt nicht mit bequemer Entrüstung schwarze Scheusäler, sondern er zeigt durchweg nachfühlbare Menschen mit einem echten Kern leidender Kreatürlichkeit, und stellt nur die Unentrinnbarkeit ihres schrecklichen Handelns dar, wie sie aus der Gesamtsituation ihrer Existenz folgt. 18 257