Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 256 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab V. Die Fortsetzung dieser Tragödie von „Der Bürge" ist „Das harte Brot". Dies Drama spielt ungefähr dreißig Jahre später wie das erste Stück und Claudel will ein weiteres und schlimmeres Stadium der Auflösung zeigen, deren grimmigen Beginn sein erstes Stück kennzeichnet. Frankreich ist inzwischen durch eine neue Revolution von den Bourbons zur Bürgermonarchie des Louis Philipp von Orleans hinübergewechselt, aber Turelure ist obenauf geblieben. Ja, er ist jetzt Marschall und Ministerpräsident — und überhaupt, obschon ein Greis von erschütterter Gesundheit, der mächtigste Mann in diesem neuen Frankreich. Die Szene ist derselbe Raum wie „Der Bürge", aber der große, bronzene Kruzifixus ist herabgenommen und lehnt an der Mauer, und an seiner Stelle hängt ein Porträt des Bürgerkönigs: „Die kahle Mauer, der hingelehnte Christus mit seinem Warten, daß irgendwer ihn aufnehme, und alles, was so lange Zeiten durch die ganze Freude und ganze Zuversicht der Menschheit war Jener heruntergekommen und an die Mauer hingelehnt. Da hat man seiner vergessen, Und an Stelle Jesu Christi dies abscheuliche bunte Götzenbild, der angemalte alte Mann mit nichts wie Backen und falschem Haar!" Das Gut Dormant ist verkauft; man hofft auf ein großes Geschäft, weil die neue Eisenbahn hindurchgehen soll; aus dem Kloster soll eine Papierfabrik werden! Seine Geschäfte tätigt Graf Turelure mit einem jüdischen Kaufmann, den er Ali Habenichts nennt; und dessen Tochter, die er bei sich hält, nennt er Sichel. Sie war eine Klaviervirtuosin und hieß mit Vornamen eigentlich Rahel. Und der Alte heißt eigentlich sehr schön: Roger Dumesloir. Aber maskiert hinter Gedächtnisschwäche des Alters liebt Turelure aus Laune und Tücke mit bösem Witz die Leute umzutaufen, wie es ihm charakteristisch scheint. Die junge, als Klavierkünstlerin gefeierte Jüdin hat er., wohl mit der Aussicht, die Frau des reichen und mächtigen Mannes zu werden, zu sich gelockt — wie sie sagt einzig um der bösen Lust willen, sie von der Musik abzuschneiden! Die beiden leben in einer Haß Verbundenheit, deren Zeichnung an Stärke den schlimmsten Strindbergszenen nichts nachgibt. Dann ist da noch Loumir, eine polnische Gräfin, eine Emigrantin. Sie hat mit ihrem verstorbenen Bruder drüben in Algier bei Turelures Sohn Louis gelebt, der von der Leidenschaft besessen ist, dort als Kolonist Land zu gewinnen. Er hat schon sein ganzes mütterliches Erbteil (das Erbe von Sygne, Gräfin von Coufontaine) in diesen bösen afrikanischen Boden gesteckt. Dann hat Loumir ihm zehntausend Francs geborgt — Geld, das gar nicht ihr, sondern der polnischen 256