Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 255 (sequence 6)
- Language
- German
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Juden bei Paul Claudel gebracht, und auch einen riesigen, bronzenen Kruzifixus, der an der Landstraße stand und den die Revolutionäre zertrümmert hatten, wieder gesammelt, zusammengesetzt und im Gewölbe des Bibliothekraums im alten Kloster aufgerichtet. Sygne und Georg waren die Letzten der Familie. Sie haben ihre vier Eltern auf dem Schafott der Revolution sterben sehen. Und jetzt eben muß Sygne von ihrem sehr geliebten Vetter erfahren, daß auch seine Frau und seine beiden Kinder kurz nacheinander von einer Krankheit hingestreckt wurden. Zwischen diesen Beiden ist fast mehr als Liebe — eine urlbedingte Schicksalsgemeinschaft, grenzenlose Bereitschaft, einander den Sinn einer untergehenden Welt zu verbürgen. — Aber da erscheint auf dem Schlosse Toussaint Turelure. Er ist der Sohn einer Magd aus dem Grafenhause und eines Quacksalbers vom Dorf, eines Hexers. Mit aller Haßkraft seines zügellosen Plebejerbluts hat er sich der Revolution in die Arme geworfen; er hat die Mönche des Klosters eigenhändig umgebracht, er ist zu den Machthabern der Republik aufgestiegen, aber rechtzeitig zu Napoleon übergeschwenkt, er ist jetzt Baron und Präfekl des Marne-Distrikts. Er hat die Spur des Grafen und des entführten Papstes, und er kommt jetzt zu Sygne. Er hat ein aus Haß und Liebe unscheidbar verknäultes leidenschaftliches Gefühl für diese Aristokratin, und er verlangt ihre Hand als Preis für das Leben des Papstes und des Vetters. Und Sygne bringt nach furchtbaren Kämpfen dies Opfer, das für sie weit schwerer ist als der Tod. — Im letzten Akt, der i8i4 in Paris spielt, wechselt Turelure, jetzt Präfekt von Paris, zum zurückkehrenden König über, liefert ihm Paris aus und steigt damit weiter auf der Würdeleiter. Sygne aber, inzwischen Mutter eines Knaben geworden, wirft sich, als Georg den Mann erschießen will, in den Schuß und stirbt so für ihn. — Die Höhe.der Dichtung ist aber nicht dieser in vielem immer noch starke Schlußakt, sondern die unbeschreiblich erschütternde Szene, in der Sygne mit ihrem Beichtvater um den Entschluß für ihr großes Opfer ringt. Es ist in allererster Linie diese Szene, an die ich dachte, wenn ich von der dichterischen Größe Claudels sprach, der die Macht eines bis zum letzten angespannten Gefühls so auf uns zu übertragen weiß, daß Quelle und Ziel dieser heroischen Gefühlsstärke für uns ganz nebensächlich wird. Man kann dein Papst und dem Königtum so fern stehen wie möglich, aber man wird als fühlender Mensch immer zugeben müssen, daß es in der ganzen dramatischen Literatur keine erschütterndere Gestalt gibt als Claudels Sygne, die sich für diese beiden opfert. 255