Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 251 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab: Juden bei Paul Claudel Im gescHchtlichen Augenblick sind die Begriffe so außerordentlich verworren, daß es bestimmt Leute geben wird, die fragen: Ja was bleibt denn überhaupt übrig als positiv wirksam von einem Werk, dessen Tendenz, dessen Weltanschauung Sie ablehnen? Darauf ist zu antworten: Das Künstlerische bleibt übrig! Und dies ist eine Herausarbeitung der typischen Lehensformen, die die Formgewalten, durch die auch ich lebe, in heftigste Schwingung versetzt. Kunst erschüttert durch die Art, wie Menschen kämpfen und leiden, leben und sterben, durchaus nicht durch die Dinge oder Ideen, in denen, und für die, diese Menschen leben und sterben. Die Totenkultideen, denen Antigone anhängt, gehen mich an sich so wenig an, wie die Begriffe von Vasallenpflicht, die Hagen an Gunther binden. Aber die totüberlegene Treue, mit der diese Menschen ihren Lebensprinzipien dienen, die Konsequenz einer Seele, wie sie hier mit künstlerischen Mitteln gegeben wird, sie ist das Großartige, das menschlich Bleibende und das zeitlos Wirksame, ist das eigentlich Dichterische in Schöpfungen wie das Drama des Sophokles oder das NibelungenHed. Und so, durch die hinreißende Stärke der inneren Konsequenz, erschüttern die Dichtungen von Paul Claudel auch den, der keineswegs in den Ideen dieses Dichters lebt. IL Paul Claudel ist Katholik, und ganz gewiß einer der stärksten dichterischen Sprecher, die der Katholizismus heute in der Welt besitzt. An ihm gemessen erscheint fast alles, was an schöner Literatur sonst auf katholischem Boden wächst, wie Buschwerk neben einer Eiche. Schon vor zwei Jahrzehnten schrieb Charles Louis Philippe, der bedeutende und weltanschaulich ganz anders gerichtete französische Romancier über Claudel: „Er ist groß wie Dante ... er hat alles Antike als?»Ioderner neu geschaffen. Was er macht ist royalistisch und katholisch, was tut's? Er ist so groß, daß man nicht das Bedürfnis spürt, ihm zu widersprechen. Er ist irgendwie ein Elementares. Man glaubt, es gebe Tolstoi und Ibsen. Nein! es gibt Claudel." Claudel ist nicht in irgendeinem weiten Sinne des Wortes religiös, auch nicht christlich, er ist ausgesprochen, im vollen Sinne der kirchlichen Umgrenzung: katholisch; er betont, daß er nicht nur unter dem Sternenhimmel, sondern unter den Gewölben von Notre Dame seinen Glauben gewonnen hat. Er weiß sogar den Tag und die Stunde seiner Erweckung genau zu nennen. „25. Dezember 1886: Weihnachtsgottesdienst in N6tre Dame: Ich stand in der Menge beim zweiten Pfeiler am Toreingang rechts an der Sakristeiseite. Und da vollzog sich das Er- 251