Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Juden bei Paul Claudel
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 250 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899883--03678-2899949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Juden bei Paul Claudel Voa Julius Bab I. Ich halte den Franzosen Paul Claudel für einen der größten Dichter, die heute leben. Und wenn man der reinen Naturpoesie, wie sie sich am stärksten vielleicht heute noch in Knut Hamsun verkörpert, eine besondere Kulturdichtung entgegenstellen darf, so kann man in diesem Bereich Paul Claudel die mächtigste Kraft unter allen Gegenwärtigen nennen. Die Größe von Claudels Dichtertum isl für mich sogar in einem gewissen Grade beweisbar. In dem Grade nämlich, in dem sich künstlerische Werte überhaupt beweisen lassen. Wenn nämlich jemand angesichts eines Kunstwerks kein Erlebnis hat, so kann ihm niemand das Vorhandensein künstlerischer Kräfte dennoch beweisen. Aber auch da, wo wirkliche Erlebnisse vorhanden sind, ist die Existenz gleichwertiger künstlerischer Kräfte durchaus nicht schon erwiesen, außer allenfalls in der Musik, wo es keine Verführung durch den Stoff gibt. Aber schon in der bildenden Kunst ist der Reiz des Stofflichen sehr mächtig, und innerhalb der Dichtung ist er häufig, in unserer Epoche sogar meistens, übermächtig. Der Anteil, der literarischen Werken gewidmet wird, gilt sehr oft der Sache, von der sie handeln, der Weltanschauung, die sie verfechten — obschon Bericht über eine Sache und Propaganda für eine Weltanschauung ja auch sehr gut in Prosa zu bringen ist und es also ganz dunkel bleibt, ob überhaupt hier künstlerische Kräfte am Werk waren. Wenn aber ein Autor der Tendenz dient, die durchaus nicht die meine ist, wenn ich das Weltbild, den Sachverhalt, den er gibt, gar nicht richtig finde, wenn sein ganzes Bekenntnis mir widerstrebt — und ich werde doch von seinem Werk gepackt und im innersten erschüttert, dann ist wohl bewiesen, daß die vorliegende Wirkung keine andere als eine rein dichterische sein kann. So aber steht es im stärksten Maße um mein Erlebnis mit Paul Claudel. 250