Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohns Tochter Dorothea
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 246 (sequence 3)
- Language
- German
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Bertha Badt-Strauß männlichen Lebens. Noch der Pädagog Campe hat im „Väterlichen Rat für meine Tochter" alles weibliche Lernen als unnütz und schädlich bezeichnet; und es ist sehr bemerkenswert, daß es eine Jüdin war, Esther Gad-Bernhard, die schon 1778 ihm gegenüber der Frauen Anrecht auf Geistesbildung verteidigte. Und nun, da die Romantiker ein ganz neues Ideal der Weiblichkeit aufstellen, das von Diotima — der Freundin des platonischen Sokrates — und von Caroline Schlegel, die als ungekrönte Königin in ihrer Mitte lebte, — da ist es wieder eine Jüdin, Dorothea Veit, die dies Ideal zuerst in Leben und Tun verkörperte. Der engere Freundeskreis wußte längst, wem Friedrich Schlegel das Bild seiner „selbständigen Weiblichkeit" verdankte; aber auch der Welt konnte es nicht verschwiegen bleiben, als er in seinem philosophischen Romane „Lucinde" mehr indiskret als künstlerisch die Geschichte seiner Liebe zu Dorothea erzählte. „Oft wird es mir heiß und kalt ums Herz, daß das Innerste so herausgewendet werden soll —1 was mir so heilig war. so heimlich; jetzt nun allen Neugierigen, allen Hassern preisgegeben", schreibt Dorothea nach dem Erscheinen der Lucinde an Schleiermacher, „Ich denke aber wieder, alle diese Schmerzen werden vergehen mit meinem Leben, und das Leben auch mit; und alles, was vergeht, sollte man nicht so hoch achten, daß man ein Werk darum unterließe, das ewig sein wird." In diesen Worten erscheint uns heute, nach hundert Jahren, mehr menschliche Größe zu leben als dem „verwilderten Romane" ihres Freundes Friedrich Schlegel dichterischer Gehalt innewohnt. Aber eben diese Worte zeigen auch zugleich, von welchen Richtlinien ihr ganzes Leben bestimmt und durchzogen war. Denn das ist die tiefe Dissonanz dieses entwurzelten Frauenlebens: Dorothea hatte mit dem scharfen Geiste und dem hellen Blick, die ihr väterliches Erbteil waren, alle Vorbedingungen zu der von den Romantikern erträumten und gefeierten Frau der Zukunft — und verkörpert doch in ihrem Leben mit wachsenden Jahren immer mehr die Frau der Vergangenheit. Es scheint fast, als ob sich hier ein Erbteil vergessener Mütter dieser verirrten Tochter bemächtigt hätte. Denn wie nur je eine Frau aus verklungener Ghettozeit schaut Dorothea in dem erwählten Manne ihren König, ihr Vorbild, ihren Gott beinahe; wie mancher Forscher meinte, nicht eben zum Glück für die spätere Entwicklung dieses schwerflüssigen Geistes, dem die helle, wache Kritik, wie sie etwa Caroline an allen Menschen übte, fördernder gewesen wäre als Dorotheas demütige Vergötterung. Ihre eigenen glänzenden Geistesgaben avüI sie in übergroßer Bescheidenheit nur als Handwerk nützen, damit der alles beherrschende Friedrich seinem Genius gemäß leben könne. So entstehen als Brotarbeiten in der Lebensbedrängnis, die sich an die Fersen dieses glücklosen Paares heftete, ihre meisterhaftem Übersetzungen altfranzösischer Werke, die meist ohne ihren Namen nur unter Friedrich Schlegels Ägide herausgegeben wurden. Ihre Übersetzung des Merlin- Romanes hat noch den deutschen Dichter Immermann zu seinem Merlin- Drama angeregt. Hier eint sich die frauenhafte Fähigkeit des Einfühlens in fremde Gedanken mit der „besonders reeeptiven Fähigkeit ihrer Rasse", wie es Dorotheas Biograph Franz Deibel ausdrückt. Es ist sehr bezeichnend, daß 246