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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 245

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohns Tochter Dorothea
Date
1929-08-01
Page
245 (sequence 2)
Language
German
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Bertha Badt-Strauß: Moses Mendelssohns Tochter Dorothea Frau, deren irrendes Herz sich schon früher einmal kurze Zeit hindurch einem genialen Abenteurer, dem Naturforscher Eduard Dalton, zugeneigt hatte, sah in Friedrich Schlegel vom Anfang ihrer Bekanntschaft an das Idealbild des Menschen, „die Orgel unter den Instrumenten", wie sie es später einmal ausdrückt. . „Dein Volk sei mein Volk — Dein Gott sei mein Gott", die Worte der Moabiterin Ruth stehen nun als Leitstern über ihren oft verschlungenen Lebenswegen. Rücksichtslos zerreißt sie, die zärtliche Mutter zweier Söhne, die Bande, die sie an den Gatten fesseln; in Paris wird sie Schlegel zu Liebe Protestantin, in Köln darauf mit ihm Katholikin; „Friedrich sein Geselle" zu werden, heißt von nun an ihres Lebens höchstes Ziel. Es ist merkwürdig anzusehen, wie die selbständig denkende Tochter Moses Mendelssohns nun auf jedes eigene Werk verzichtet, um „in Demut als Handwerkerin ihm Brot zu schaffen, bis er es kann". Für den Einen Gott, dem sie entsagte, tauschte sie einen neuen Gott ein — nicht mehr von Holz und Stein, wie einst die Abtrünnigen unter uns — sondern von Fleisch und Blut. Kein glückliches Leben ist's, das sich die fochter des jüdischen Philosophen erstritt. Nicht nur, daß sie Lebensnot und Schuldennot mit ihm zu tragen bestimmt war — das war Frauenlos, und sie hat sich niemals, wohl auch in Gedanken nicht, darüber beklagt. Aber Henriette Herz hält in ihren Erinnerungen ein Augenblicksbildchen aus der Spätzeit dieser romantischen Ehe fest, das uns vieles verrät. Sie erzählt, wie sie einmal im Herbst in Wien die Jugendgenossin besuchte, die krank im Bette lag. Selbst vor innerer Kälte zitternd, sitzt sie am Lager der Freundin, beide ein wenig fieberschauernd und fröstelnd. Friedrich Schlegel, der damals in Wien seine vielberühmten Vorlesungen hielt, ist auch dabei; er sitzt den Frauen gegenüber am Tische, schält sich eine Orange und trinkt spanischen Wein dazu, als wolle er auch den fröstelnden Frauen dadurch Feuer in die Adern gießen ... Die Szene kennzeichnet deutlicher als Worte die Enttäuschungen dieses Frauenlebens. Worin aber bestehen seine Werte? Worin besteht der Anspruch Dorotheas, noch heute in der Reihe der Frauen genannt zu werden, die die Kultur der deutschen Gegenwart schöpferisch bereichert haben? Und vor allem: Worin besteht für uns deutsche Juden nach hundert Jahren der Grund und mehr — die Verpflichtung, noch jetzt dieser verirrten Jüdin zu gedenken? Zwei Kränze errang dies peinvolle Leben: den einen unwissentlich, ja fast gegen ihren Willen — durch die Gestaltung eben dieses Lebens selbst; den andern mit heißem Bemühen und doch ohne eigentliche Erfüllung — durch ihre literarischen Werke. Was bedeutet das Leben der Mendelssohntochter für die Geschichte der Frauen in Deutschland? Dazu muß man erst einen Augenblick bei der Stellung der deutschen Frau im 18. Jahrhundert verweilen. „Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben" hatte Schiller gesungen, und damit das Frauenideal seiner Zeit und vieler Zeiten gekennzeichnet: die Frau, die ohne ein Eigenleben, ohne „Raum für ihre Füße" zu beanspruchen, nichts sein will als die harmonische Begleitmusik zu den rauhen Dissonanzen des 245

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