Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohns Tochter Dorothea
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 247 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohns Tochter Dorothea nun in dieser entjudeten Jüdin wiederum grade die angestammten jüdischen Fähigkeiten es sind, die für die deutsche Kulturgemeinschaft fruchtbar werden. Im Vorübergehen sei bemerkt, daß auch eine von Deibel und anderen Forschern nicht recht verstandene Eigentümlichkeit ihrer sonst liebevoll getreuen Nachdichtung: nämlich die merkwürdige Zurückhaltung, mit der sie in dem Ritterromane „Lothar ünd Maller" die sexuellen Motive behandelt — wohl nicht auf Rechnung ihres neuen Katholizismus, sondern des alten Judentums mit seiner instinktiv gewordenen keuschen Zurückhaltung zu setzen ist. Diese Vermutung bestätigt sich uns, wenn wir bei einer anderen Jüdin und geistigen Führerin dieser Zeit, bei Rahcl Levin, eine ähnliche Haltung finden. In diesen Übersetzungen liegt Dorotheas eigentliches literarisches Verdienst um die deutsche Kultur; ihr einziger selbständig geschaffener Roman „Florentin" wird für uns nicht wegen seiner Originalität oder Tiefe bedeutsam, sondern hauptsächlich darum, weil er uns Heutigen in seiner grenzenlosen Rezeptivität ein getreues Spiegelbild aller Ziele, Stimmungen, Bestrebungen der merkwürdigen Zeit, die wir Romantik nennen, gibt. Mag' sein, daß auch hier die nüchterne Verstandesklarheit der Jüdin alle diese widerstreitenden Elemente schärfer zu fassen und wiederzugeben vermochte, als es etwa den chaotischen Büchern des selbst chaotischen Clemens Brentano möglich war. So behält dies an äußeren und inneren Enttäuschungen reiche Leben doch seinen ganz bestimmten und fest umrissenen kulturgeschichtlichen Wert. Ihre Jugend verkörpert das Frauenideal der romantischen Propheten; ihre Werke spiegeln die künstlerischen und lebensgestaltenden Ziele ihrer Zeit; ihr Alter selbst — unter den Fittichen der katholischen Kirche, der sie sich gemeinsam mit dem Manne ihrer Liebe schon in Köm anvertraut hatte — ist das typische Ende der Romantiker: müde der Welt und müde des eigenen Denkens ___ „Alles, was wir Weltkinder einst Poesie des Lebens genannt haben, es ist weit, weit ..." schreibt sie ihrer Freundin Henriette Herz. Und dann plötzlich überrascht in ihren Altersbriefen ein neuer Ton. „Jeder Tag ist ein Kapital, das du nicht willkürlich vergraben oder wegwerfen darfst." Und man spürt — zumal wenn man die sonstigen Bekenntnisse der alternden Romantiker daneben hält—, daß hier nicht mehr Dorothea Schlegel, sondern wieder Dorothea Mendelssohn spricht. Spät erklingt, was früh erklang. Nach dem verflogenen Rausche der Romantik kehrt sie in ihren letzten Tagen zurück zur Lehre und dem Lebensstil ihres Vaterhauses, der tätigen, verantwortungsvollen jüdischen Lebensauffassung der Mendelssohnzeit. Heine hat einmal von dem nicht abzuwaschenden Judentum in seinem Leben und Wesen gesprochen. In nicht viel geringerem Maße als von ihm gilt dies Wort von Dorothea Mendelssohn. Das Beste, was sie für die deutsche Kulturgemeinschaft leistete, entsprang ihrem jüdischen Vätererbe. Deshalb ist es auch uns wichtig und unerläßlich, uns mit dieser „abtrünnigen Schwester", wie Max Brod sie nennen würde, zu beschäftigen. Nachbemerkung. Erst nach Vollendung der vorstehenden Arbeit (deren Abdruck sich aus mancher- 247