Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohns Tochter Dorothea
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 244 (sequence 1)
- Language
- German
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Moses Mendelssohns Tochter Dorothea Von Bertha Badt-Strauß Als Moses Mendelssohn in seinen letzten Lebensjahren, selbst schon krank von der Bürde einer überharten Jugend, in den Morgenstunden junge Männer und Frauen in seinem schmucklosen Arbeitszimmer in der Spandauer Straße um sich versammelte, um ihnen fast wie eine Art letzten Willens die Grundzüge seiner Lebensüberzeugungen vorzutragen, da befand sich unter der kleinen Schar auch ein junges Mädchen mit scharfen, klugen Zügen und blitzenden Augen. Das war des Philosophen eigene Tochter, die im Elternhause Brendel hieß, aber später, als sie die Hütte Sems mit den Wohnungen Japhets vertauscht hatte, nach griechischem Wohlklang strebend, den Namen Dorothea annahm. Unter den philosophischen Schülern jener Morgenstunden in Mendelssohns Hause sah man nicht nur den schwedischen Diplomaten Gustav von Brinkmann und die Brüder Humboldt, sondern auch Dorotheas zukünftigen Gatten, den jungen Kaufmann Simon Veit, — gewißlich ein Beweis dafür, daß Mendelssohn sich bei der oft von Nachlebenden getadelten, allzufrühen Verheiratung seiner Töchter nicht vorwiegend von äußeren Gründen leiten ließ. Immerhin scheint Simon Veit, der sich in seinen späteren Briefen als ein Mensch von ethischer Würde und großer Herzensgüte uns darstellt, mehr nach dem Geschmacke des Vaters gewesen zu sein, als nach dem Herzen der hochbegabten, leicht beweglichen Tochter, die sich wohl nur von der Rücksicht auf den Willen ihres „großen, ihres geliebten Vaters", wie sie ihn in einem Briefe nennt, verleiten ließ, Veits Werbung anzunehmen. Trotz des philosophischen Bandes und im Gegensatze zu dem Glücke der jungen Eheleute, wie es sich in einem Briefe Moses Mendelssohns lebendig spiegelt, gestaltete sich die Ehe der beiden mit der Zeit immer unbefriedigter, und wenn wir dem Zeugnis der Freundin Dorotheas, Henriette Herz, Glauben schenken dürfen, so war es immer nur der Gedanke an den Vater, der die Tochter zum Aushalten neben dem ungeliebten Manne veranlaßte. Nun aber begegnet ihr nach dem Tode des Vaters im Salon eben dieser Hof rätin Herz, der schönsten Frau von Berlin, der junge, glänzend begabte Friedrich Schlegel, der, mehr noch als sein älterer Bruder August Wilhelm, damals die Welt der Jugend durch die Überfülle seiner umstürzlerischen Gedanken in Aufruhr versetzte — und wird ihr zum Schicksal. Die leidenschaftliche 244