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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 242

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften
Date
1929-08-01
Page
242 (sequence 5)
Language
German
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Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften Plunder, den kein Mensch angesehen haben würde, wird ein wichtiges Buch, nachdem es durch die Hand des Büttels gegangen ... Die Welt schließt so: was so große Leute fürchten, muß doch verdienen, gelesen zu werden. Dieses Vorurteil ist nirgend so schädlich als in Religionssachen. Der gewissenhafteste Mensch betrachtet eine verfolgte Schrift als etwas, das zu fürchten ist, und die Begierde, das, was man fürchtet, kennenzulernen, ist den Menschen sehr natürlich." 132. Literaturbrief. „Man pfleget gemeiniglich das Vermögen der Seele in Erkenntnisvermögen und Begebrungsvermögen einzuteilen und die Empfindung der Lust und Unlust schon mit zum Begehrungsvermögen zu rechnen. Allein mich dünket, zwischen aem Erkennen und Begehren liege das Billigen, der Beifall, das Wohlgefallen der Seele, welches noch eigentlich von Begierde weit entfernt ist. Wir betrachten die Schönheit der Natur und der Kunst ohne die mindeste Regung von Begierde, mit Vergnügen und Wohlgefallen. Es scheinet ein besonderes Merkmal der Schönheit zu sein, daß sie mit ruhigem Wohlgefallen [M. ist hier ein Vorläufer Kants, der den ästhetischen Genuß als „interesseloses Wohlgefallen" kennzeichnet] betrachtet wird; daß sie gefällt, wenn wir sie auch nicht besitzen und von dem Verlangen, sie zu benutzen, auch noch so weit entfernt sind." Morgenstunden. „Der Kunstrichter hat sich ... vor dem sehr schädlichen Vorurteil zu hüten, als wenn die Regeln des Ganzen allezeit das Vornehmste wären. Hat der Dichter Genie genug, die Fehler der Anlage durch die Gewalt der Leidenschaften, die er erregt, unserer Bemerkung zu entziehen, so macht sich der Kunstrichter lächerlich, wenn er seine Empfindungen verleugnet und nach Regeln urteilt, über die sich der Dichter weit hinweggesetzt hat____ Unseres Wissens haben die Kunstrichter noch sehr wenig daran gedacht, die Grenzen des Genies und der Regeln auseinanderzusetzen." Besprechung von Wielands „Lady Johanna Gray". „Shakespeare ist der einzige dramatische Dichter, der es wagen kann, in dem Othello die Eifersucht und in dem Lear die Raserei im Angesicht des Zuschauers entstehen, wachsen und bis auf den Gipfel gedeihen zu lassen. ... Wer ist aber kühn genug, einem Herkules seine Keule oder einem Shakespeare seine dramatischen Kunstgriffe zu entwenden?" 123. Literaturbrief. „Sobald der Leser ein Buch in die Hand nimmt, um zu lesen, so wird er vergessen, wer der Verfasser sei und in welchen Umständen er sich befunden. Ein König, ein Frauenzimmer, ein Jude — was tut dieses zur Sache? Wer die Ehrbegierde hat, Schriftsteller zu sein, muß, alle Nebenbetrachtungen bei Seite gesetzt, als Schriftsteller beurteilt werden. Ohne Ansehen der Person sieht der unerbittliche 242

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