Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 240 (sequence 3)
- Language
- German
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* Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften „Es ist überaus angenehm, den Baum der Erkenntnis in seinem Wachstum zu betrachten. Ein Dichter möchte ihn mit der Aloe vergleichen, öfters scheint er, noch langsamer als die Aloe, Jahrhunderte stille zu stehen oder wohl gar durch schlechte Wartung an seinen Äußersten abzusterben. Endlich bringt ein glückliches Jahrhundert einige Geister hervor, welche den Stamm mit den befruchtenden Strahlen ihres Genies bescheinen. Plötzlich schießt er empor und verbreitet sich in tausend Äste, welche mit ihren Blumen die Augen ergötzen und mit ihrem wohlriechenden Duft die ganze Gegend balsamieren." 13U. Literaturbrief. „Wer nach der höchsten Stufe der sittlichen Vollkommenheit ringt, ... der muß es mit den Gesetzen der Natur wie der Künstler mit den Regeln seiner Kunst machen. Er muß so lange mit der Übung fortfahren, bis er sich, in währender Ausübung, seiner Regeln nicht mehr bewußt ist, bis sich seine Grundsätze inNeigungen verwandelt haben und seine Tugend mehr Naturtrieb als "Vernunft zu sein scheint." Rhapsodie. „Die höchste Stufe der Weisheit ist unstreitig, Gutes tun. Spekulation ist eine niedrigere Stufe, die zu jener führt. Man muß sie bestiegen haben, um zu jener zu gelangen; aber wer auf dieser stehen bleibt, erfüllt den Endzweck seines Daseins nur halb und muß mit dem Lose zufrieden sein, auf der Wallfahrt zur Glückseligkeit den Wegweiser oder Meilenzeiger vorzustellen. Glücklich, wem die Vorsehung den Willen und die Macht beschieden, Sittlichkeit und Bruderliebe unter den Menschenkindern durch Werke und Taten zu verbreiten und dem Vorurteile entgegenzuarbeiten, so oft es der Glückseligkeit der Menschen im Wege steht! Er hat einen höheren Beruf als der Mann, der nur betrachten und wünschen kann." An Frh. von Ferber. 22. Sept. 1777. „Je edler ein Ding in seiner Vollkommenheit, sagt ein hebräischer Schriftsteller, desto gräßlicher in seiner Verwesung. Ein verfaultes Holz ist so scheußlich nicht als eine verweste Blume; diese nicht so ekelhaft als ein verfaultes Tier; und dieses so gräßlich nicht als der Mensch in seiner Verwesung. So auch mit Kultur und Aufklärung. Je edler in ihrer Blüte: desto abscheulicher in ihrer Verwesung und Verderbtheit." Über die Frage: Was heißt aufklären? „In welcher glückseligen Welt würden wir leben, wenn alle Menschen die Wahrheiten annähmen und ausübten, die die besten Christen und die besten Juden gemeinsam haben!" An Ch. Bonnet. 9. Febr. 1770. 240