Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 239 (sequence 2)
- Language
- German
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Aus Moses Mendelssohns Gesammelten Schriften „Wir sollten uns der Neigung nicht überlassen, gewisse Dinge zu sehr herunterzusetzen, weil sie andre zu sehr erhoben haben, denn dadurch bringen wir nur die Schalen in ein beständiges Schwanken und niemals ins Gleichgewicht." An Lessing, 29. Nov. 1770. (Es gibt keine treffendere und schlagendere Selbstkritik der beiden Freunde, als wenn man mit dieser Bemerkung Mendelssohns folgende — dasselbe Bild gebrauchenden — Worte Lessings vergleicht: Wann die Waage auf der einen Seite, wo das Unrecht liegt, zu sehr überschlägt, so muß man sich aus allen Leibeskräften auf die andere legen, um womöglich das Übergewicht des Rechts herzustellen.) „Da ein jeder in philosophischen Sachen Partei ergreift, glaubt auch ein jeder das Recht zu haben, zu meistern und Urteile zu fällen. Wer ist der Unwissende, der sich in philosophischen Angelegenheiten nicht für einen befugten Richter hält und sein richterliches Ansehen durch Machtsprüche zu unterstützen weiß? Die Ilauptbegriffe, die in der Weltweisheit vorkommen, sind einem jeden im gemeinen Leben so oft vor Ohren gegangen, daß er mit ihnen vertraut genug zu sein glaubt. In der Mathematik hält jeder Unwissende sein Urteil zurück und erwartet den Ausspruch der Kenner. Ja was sage ich in der Mathematik? In jeder gemeinen Kunst* in jedem Handwerke wagt außer den Kunstverwandten niemand, ein Werk zu meistern und den Erfahrenen zu widersprechen. Aber in der Weltweisheit, in der Sittenlehre, in der Politik ist jedes Menschen Gesicht dreist genug, das Richteramt zu übernehmen." Abhandlung über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften. „Nicht die Vervollkommnungdes Menschengeschlechts ist die Absicht der Natur; nein! die Vervollkommnung des Menschen, des Individuums. Jeder einzelne Mensch soll seine Anlagen und Fähigkeiten entwickeln und dadurch immer vollkommner werden; und eben deswegen, weil jedes Individuum dieses soll, muß dieses ganze Geschlecht immer diesen Kreislauf wiederholen, darüber wir uns so sehr beschweren. Das menschliche Geschlecht ist, als ein solches, kein für sich bestehendes Wesen. Es besteht vielmehr aus einzelnen Menschen, die sich, wie das Wasser in einem Strome, aufeinander folgen, keinen Augenblick dieselben bleiben und dem Strome gleichwohl einen selbständigen Namen geben. Diese Succession von Wesen ist auch an und für sich einer Verbesserung fähig, die aber nicht so, wie1 die Verbesserung des einzelnen Menschen, ins Unendliche fortgehen kann. Ginge das menschliche Geschlecht in der Vervollkommnung immer weiter, so würden die neuen Ankömmlinge keine Gelegenheit finden, ihre Kräfte zu üben, ihre Anlagen zu entwickeln, und dieses ist doch gleichwohl der wahre Zweck der Natur. Unser Dasein hienieden gleicht einer Poststation. Wenn, die nach uns kommen, auch sollen überbracht werden, so müssen die Postpferde wieder an den Ort zurück, wo sie ausgegangen." An Hennings, 25. Juni 1782. 239