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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
Date
1929-08-01
Page
232 (sequence 13)
Language
German
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Ludwig Goldstein Kunderts noch in mittelalterlicher Schmach und Abgeschlossenheit gehalten. Unterdrückung und Verachtung blieb noch lange sein Los. Frau von der Recke (geb. 1756) hat sich in ihrer Jagend schwere Demütigungen von ihrer Großmutter und ihrer Sippe gefallen lassen müssen, weil sie es sich unterstand, Mendelssohns „Phädon" zu lesen; ein Onkel aus Nerft, so hieß es, habe zwar auch das Buch gelesen, aber bei dem sei es bloße Neugier gewesen, „was ein Lumpenjude schreiben kann". Als Mendelssohn seine ersten deutschen Bücher veröffentlichte, konnte man sich vielfach gar nicht vorstellen, daß sie von einem Juden herrühren sollten — von „einem Mann, der von der Natur in den Schoß einer verachteten Horde geworfen war" (Mirabeau). Und als ein französisches Blatt 1756 von den „Briefen über die Empfindungen" Notiz nahm, unterließ es nicht die sensationelle Feststellung, daß ihr Verfasser einem Volke angehöre, dessen sklavische Abhängigkeit, es eigentlich zu literarischen Arbeiten unfähig machen müßte. Uz hatte über den neuen Schriftsteller etwas läuten hören, glaubte aber nicht an den „angeblichen Juden". Gleim mußte ihm erst bekräftigen, daß es kein erdichteter, sondern ein wirklicher Jude sei. In den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen hatte 1754 Michaelis in seiner Kritik von Lessings Lustspiel „Die Juden" die Bemerkung gemacht, daß ein so edler und großmütiger Charakter wie der Held unter den Juden unwahrscheinlich sei, und in den Jenaischen gelehrten Zeitungen war dem zugestimmt worden. Darauf ließ Lessing im 1. Stück seiner „Theatralischen Bibliothek" zur Bekräftigung seines Standpunktes „einen aus dieser Nation selbst" — es war Moses Mendelssohn — das Wort nehmen und setzte hinzu: „Ich kenne Um zu wohl, als daß ich ihm hier das Zeugnis eines ebenso witzigen als gelehrten und rechtschaffenen Mannes versagen könnte. Folgenden Brief hat er bei Gelegenheit der Göttingischen Erinnerung an einen Freund in seinem Volke (Dr. Gumperz), der ihm an guten Eigenschaften völlig gleich ist, geschrieben." Und in einem Privatbrief versicherte er dann Michaelis noch ausdrücklich, daß es „wirklich ein Jude ist, ein Mensch von etlichen zwanzig Jahren, welcher, ohne alle Anweisung in Sprachen oder Mathematik, in der Weltweisheit, in der Poesie eine große Stärke erlangt hat". Allerdings blieb Mendelssohn für das allgemeine Bewußtsein eine Ausnahme, ein Unikum. Er war „ein Wunder seiner Nation, geehrt und ein großer Philosoph". Er war nach einem Schreiben Hamanns an Lavater „wirklich ein Salz und Licht unter seinem Geschlecht". Er war nach dem Ausspruch des Berliner Predigers Jenisch „der Luther der Juden". Le fameux juif, 232

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