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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 231

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
Date
1929-08-01
Page
231 (sequence 12)
Language
German
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Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen C. Ph. Moritz erzählt in seinen „Denkwürdigkeiten", daß er Mendelssohn einmal mit einem lutherischen Prediger besucht habe, der in einer Gegend, die dessen dringend bedurfte, Aufklärung zu verbreiten suchte und deshalb des Philosophen Rat erbat. „Es war rührend anzuhören, wie ein Jude hier mit einem lutherischen Prediger über die beste Art und Weise sprach, wie eine christliche Gemeinde zu unterrichten sei, ja nicht auf einmal zu viele Neuerungen zu machen und bei dem Aufklärungsgeschäft mit Behutsamkeit und Sanftmut zu verfahren, wie Christus auch zu tun gelehrt habe." Wir hören hier von Mendelssohn dieselbe Achtung vor dem Stifter der christlichen Religion, die er z. B. auch Lavater gegenüber „in einer der glücklichsten Stunden seines Lebens" bezeugt hatte. Das alles spricht für David Friedländers Auffassung, daß „das gesellige Verhältnis zwischen Nichtjuden und Juden in unseren Gegenden ganz Mendelssohns Werk war und unausbleiblich durch seine Persönlichkeit erfolgen mußte". Toleranz war die natürliche Ausstrahlung seines Wesens — die Achtung und Liebe Andersgläubiger ihr natürlicher Widerschein. Reimarus trifft doch wohl kaum das Richtige, wenn er einmal verärgert meint,, daß Mendelssohn „uns Christen Hohn spricht", und noch mehr dürfte ihn Herder verkennen, wenn er einmal „in dem alten Mann den versteckten Haß gegen die Christen von Tag zu Tag mehr hervortreten" zu sehen glaubte. Äußerlich war jedenfalls das Verhältnis zwischen diesem Juden und den gebildeten christlichen Mitbürgern — auf der Straße mußte freilich auch er stets auf Beschimpfungen, ja Tätlichkeiten des Pöbels gefaßt sein — auffallend gut. J. Euchel macht darauf aufmerksam, daß die Christen ihn trotz seiner Selbständigkeit in Glaubensangelegenheiten sogar mehr liebten und ehrten als die Juden. Christliche Philosophen waren sich nach Fr. W. von Schütz „längst über den Punkt einig geworden, daß Mendelssohn als Gelehrter vielen Wert hatte und der edelste Mensch war", und in der Berliner Monatsschrift ist bald nach seinem Ableben die Rede von dem „großen und liebenswürdigen Philosophen, der von wirklichen Christen so aufrichtig verehrt worden". Mendelssohn durfte mit Recht von sich sagen: „Ich habe das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben." Daß über einen Juden, gleichviel wer er war und was er leistete, in jener Zeit überhaupt so gedacht und gesprochen werden konnte, muß den Unterrichteten immer wieder mit Staunen erfüllen. Denn trotz vereinzelter Besserungen und einzelner Bevorzugter wurde das Judentum um die Mitte des 18. Jahr- 231

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