Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 230

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
Date
1929-08-01
Page
230 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899879--03654-2899929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ludwig Goldstern Mendelssohn als „teuersten Weisheitsfreund4' ansprach und als einen Mann, der dem Geiste nach sein Bruder ist. Winkopps Zweifel wurden durch die ihm von Mendelssohn empfohlenen Studien zerstreut, und er gewann den Philosophen so lieb, daß er ihm „sein ganzes Herz enthüllte". Durch ihn erfahren wir übrigens, daß Mendelssohn auch mit einem zweiten Benediktiner eine wichtige Korrespondenz geführt hat. Winkopp trat aus dem Kloster aus, bezeugt aber ausdrücklich, daß das nicht etwa auf Veranlassung Mendelssohns geschehen war, sondern ganz andere Gründe hatte; der Philosoph hatte ihm vielmehr geraten, in seinem Kloster bei der Religion seiner Väter zu bleiben. Winkopp, mit seinem bürger^- lichen Vornamen Peter Adolph, machte dann die personliche Bekanntschaft Mendelssohns und genoß seine Gesellschaft beinahe ein ganzes Jahr lang taglich mehrere Stunden. Nach Mendelssohns Tode gedachte er seiner mit zärtlicher Dankbarkeit und nannte ihn in einem Brief an Marcus Herz geradezu seinen Beichtvater, dem er seine Sünden bekannte. Mendelssohns Weisheitslehren wirkten bei ihm erst allmählich, „jetzt aber um so stärker, und ich genieße einer Ruhe und Glückseligkeit, die ich bloß Herrn Moses zu danken habe. Bin ich tugendhaft, wie ich mir schmeichle, so bin ich es bloß durch Mendelssohns Lehren und Grundsätze". — Auch der aus kurländischer Pfarrersfamilie stammenden Dichterin und Schriftstellerin Sophie Becker, die Elise von der Recke 1784/86 auf einer Reise durch Deutschland begleitete und darüber ein Tagebuch führte, müssen wir hier gedenken. Sophie, nach Elise Reimarus „ein überaus geistreich liebenswertes Mädchen", hatte Mendelssohn bei einem Besuche kennen gelernt, den der Philosoph zusammen mit Ramler 1785 der Herzogin Dorothea von Kurland und ihrer Schwester Elise von der Recke in Friedrichsfelde bei Berlin abstattete. Es entwickelte sich zwischen dem dreißigjährigen Mädchen und dem Weisen eine sehr zartsinnige Freundschaft. Ähnlich wie Garve und Zimmermann, schreibt am Weihnachtsabend 1785 Sophie an Mendelssohn: „Sie waren der Erste, von dem ich glauben konnte, Sie würden mich verstehen, oder da, wo ich mich selbst nicht verstehe, Licht hinhalten können." Und während auf der Straße ein Weihnachtsgesang ertönt, schüttet nun Sophie in ihrer Einsamkeit dem älteren Freund ihr Herz aus, beichtet dem Juden ihre Zweifel am Christentum und an der Religion überhaupt und schließt mit einem inbrünstigen: „Raten Sie mir, auf welche Art ich es anfange, meinem Herzen den Gott näher zu bringen, den mein Verstand im Sandkorn wie in der Sonne anbetet." Die beruhigende Antwort darauf vom 27. Dezember 1785 ist das Letzte, was der Weise überhaupt geschrieben hat... 230

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.