Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 217 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn zum 6. September 1929 sittliche Anschauung, aber nicht als geoffenbarte Dogmen, die geglaubt werden müssen, weil die Autorität Gottes das fordert, sondern als Lehren, die zur Erkenntnis dargeboten werden, und auch unabhängig von der Schrift vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang durch die menschliche Vernunft erkannt werden und zur Verehrung des einzigen Gottes führen. Dabei aber sind die in der Bibel enthaltenen Lehren von Gott so vollständig und vollkommen, daß der gesamte Inhalt des Vernunftsglaubens, so auch der Gedanke der Unsterblichkeit und gerechten Vergeltung, sich aus ihnen ergibt. Nicht eine geoffenbarte, d. h. exklusive, ausschließende Lehre ist daher für Mendelssohn das Judentum. Eine solche alleinseligmachende Lehre würde im Widerspruch mit der Güte Gottes stehen. Was zur Glückseligkeit der Menschheit nötig ist, und dazu gehört vor allem Gotteserkenntnis und Erkenntnis unserer Bestimmung, ist allen Menschen durch ihre Vernunft erreichbar. „Nach den Begriffen deswahren Judentums sind alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen und die Mittel derselben so ausgebreitet als die Menschheit selbst, so milde ausgespendet als die Mittel, sich des Hungers und anderer Naturbedürfnisse zu erwehren „Ich glaube daher nicht, daß die Kräfte der menschlichen Vernunft nicht hinreichen, gie von den ewigen Wahrheiten zu überführen, die zur menschlichen Glückseligkeit unentbehrlich sind, und daß Gott ihnen solche auf eine übernatürliche Weise habe offenbaren müssen." Und doch glaubt Mendelssohn mit dieser Vernunftreligion allein nicht Gottes Willen vollkommen zu gehorchen. Denn auf Grund der Offenbarung, die Mendelssohn ebenso wie Leibniz und Locke als historische Tatsache anerkennt, hat zwar Gott nicht Lehren als Dogmen eingesetzt, wohl aber, und zwar allein dem jüdischen Volke Gesetze gegeben, die sein irdisches und ewiges Heil und das Glück sowohl des Einzelnen wie des Volkes zum Ziele haben. Das Gesetz ist also, und darin stimmt Mendelssohn Spinoza bei, ein ausschließlich für das jüdische Volk gegebenes Sondergesetz Gottes. Doch hat es nicht bloß, wie Spinoza meint, sein irdisches Wohl, sondern als göttliches Gesetz zugleich sein ewiges Heil im Auge. Denn als göttliches Gesetz ist es aufs innigste mit jenen Lehren verbunden, die die Vernunfterkenntnis als Gotteserkenntnis erlangt. „Alle Gesetze beziehen oder gründen sich auf ewige Vernunftwahrheiten, oder erinnern) und erwecken zum Nachdenken über dieselben, so daß " unsere Rabbinen mit Recht sagen: Die Gesetze und Lehren verhalten sich gegeneinander, wie Körper und Seele." Demzufolge ist jeder, der im Hause Israel geboren ist, verpflichtet, 217