Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Albert Lewkowitz die Klarheit und Kraft seines Geistes, daß er sich — daß er seine Liebe zum Judentum — in dieser neuen Welt nicht verlor. Mit einer kaum glaublichen Schnelligkeit erringt er die sichere Herrschaft über die deutsche Sprache, wie die Kenntnis der fremden Sprachen und Wissenschaften, in denen die Kultur der Aufklärung sich darstellt und wird der einflußreichste Vertreter der literarischen und philosophischen Bildung seiner Zeit. Wurde Deutschland durch Leibniz der Kultur der westeuropäischen Aufklärung eingefügt, so macht Mendelssohn den Geist des Leibnizschen Systems und der englischen Philosophie Lockes und Shaftesburys zum Gemeinbesitz der deutschen Bildung und prägt mit Lessing die deutsche Sprache zur begrifflich klaren* durchsichtigen und anmutigen Ausdrucksform des wissenschaftlichen Geistes. Diese innige Verschmelzung mit dem Geiste der Aufklärung wäre aber nicht möglich gewesen, wenn nicht eine objektive Übereinstimmung zwischen dem Ideengehalt der neuen Bildung und dem Kulturgehalt des Judentums, das Herz und Geist Mendelssohns erfüllte, bestanden hätte. Gerade dies aber ist das Bedeutungsvolle an der Kultur der Aufklärung, daß sie, gleich der Kultur des Mittelalters, die geistige Einheit Europas auf religiösem Grunde aufbaut. Nur ist dieser religiöse Grund nicht das Dogma der Kirche, sondern die rationale Gotteserkenntnis des Deismus und die auf ihrem Grunde aufgebaute rationale Ethik. Gotteserkenntnis und. Menschenliebe, dogmenfreier Universalismus des Gottesbewußtseins und über alle nationalen und konfessionellen Gegensätze hinwegschreitende Menschenliebe sind der religiös-sittliche Quell der alle Gebiete des politischen und sozialen Lebens erfassenden Reformarbeit der Aufklärung. Dieser Enthusiasmus für Gott, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist kein Rausch der Phantasie, sondern die tiefste religiössittliche Kraft des Jahrhunderts. Und diese religiös-sittliche Energie weiß sich im Bunde mit einer Erkenntnis, die mit apriorischer Gewißheit Gottes Allmacht, Weisheit und Güte als den Grund der Welt und den Menschen bestimmt weiß, als höchstes aller Geschöpfe die Gesetze Gottes, die Gesetze der Gerechtigkeit und Liebe zu erfüllen und hierdurch die Glückseligkeit des Menschen zu begründen. Diese Weltanschauung aber erkennt Mendelssohn in innigster Übereinstimmung mit dem Judentum und zugleich so sehr als Erkenntnis der Vernunft, demzufolge als Besitz der gesamten Menschheit, daß er nicht in dieser Weltanschauung das Eigentümliche der göttlichen Offenbarung an das jüdische Volk sieht. Wohl enthält die Bibel diese Gotteserkenntnis und universale 216