Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Oscar Levertin
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 200 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl D. Marcus wartete. Nie wieder hat mir eine Zeitung so viel bedeutet. — Worüber schrieb er? Über moderne Literatur, nordische, französische, selten über deutsche, über Kunst und Künstler, über andere Essayisten und Literarhistoriker, über Reisen in fremden Ländern. Und dann ging er zurück auf die ältere Kulturgeschichte, griff mit Vorliebe alles auf, was mit der sogenannten Gustavanischen Periode im 18. Jahrhundert in Verbindung stand, die er über alles liebte. Er erweiterte unseren Horizont, wie dies Georg Brandes tat; er stellte den Kontakt her mit Persönlichkeiten und geistigen Strömungen auf dem Kontinent. Und wir lasen ihn in einem Taumel der Begeisterung; wir lebten in einer Zeit, die noch nicht ergriffen war vom Sportfanatismus oder von sogenannter Kinokultur. Wir glaubten an die Dichtung, an die Kunst, an die Schönheit als an heilige Mächte, und wenn wir uns geirrt haben, irrten wir mit den Besten unserer Zeit. Es wird erzählt, daß Levertin sich einen ganzen Tag einschloß, wenn er daran ging, ein Essay für die Zeitung zu schreiben. Und wie oft sah man spät in der Nacht noch seine Arbeitslampe brennen! Er war ein unermüdlicher Arbeiter und hat mit ebenso großer Sorgfalt den Zeitungsaufsatz wie die großen biographischen Werke vorbereitet. Da er unendlich viel wußte, wurde sein Essay immer eine Offenbarung seiner Kenntnisse, und in reizvoller Weise verstand er es, aus weit abgelegenen Gebieten Parallelen zum gegebenen Stoff herzustellen. Aber all dies hätte nicht so gezündet, wenn nicht noch eines hinzugekommen wäre: Die Darstellungskunst Oskar Levertins. Dabei war sein Stil, rein sprachlich gesehen, nicht immer ganz einwandfrei, er litt an Gallicismen. Und trotzdem — wer hätte ihn anders gewünscht! Es war ein Poet, der zu uns sprach, er schuf selbst einen Zaubergarten, während er glaubte, sich in dem eines Anderen zu befinden. Er begeisterte uns, weil er selbst begeistert war; er lobte öfter, als er tadelte. Es war, als ob er Rosenblätter über seine Zeilen gestreut hätte, es duftete und sang, wenn man sie las, und diese Melodie ließ nicht nur die Dichtung, sondern auch das Leben anbetungswürdiger erscheinen. Und dabei konnte er sehr scharf und sachlich vorgehen, wenn ihm auch mancher Fehler unterlaufen ist. Er überschätzte die französische Kultur, vor allem Anatole France, — wie es auch Georg Brandes tat —, er unterschätzte Strindberg, dessen Infernoreligion ihn abstieß; er verstand leider nicht unseren größten volkhaften Lyriker Gustav Fröding, aber — er verstand vieles andere. Neben seinem Wirken in der Presse, muß sein übriges Schaffen für das schwedische Geistesleben gewürdigt werden. So wirkte er als Dozent an der Hochschule, wo ich ihn auch noch gehört habe. Außer seinen Zeitungsartikeln erschienen dann seine Essaybände, deren Bedeutung nicht hoch genug gewertet werden kann. Ja, vielleicht enthalten sie noch heute das bleibendste, was er geschaffen hat. Ein Band behandelt die Zeit Gustavs III., die glänzendste Zeit des schwedischen Rokkoko, die sehr stark unter französischem Einfluß stand und eine Hofkultur bedeutet, wie sie niemals früher oder später in Schweden erreicht wurde, einer Zeit, reich an Intriguen, Memoiren, Briefen, alles mehr oder min- 200