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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 196

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Gustav Landauers Briefe [Rezension]
Date
1929-06-01
Page
196 (sequence 3)
Language
German
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Margarete Susman und die Idee goß ihren reinen Glanz über jede seiner menschlichen Beziehungen aus. So entfaltet sich jede von der nächsten und innigsten bis zur fernsten und flüchtigsten organisch wie eine Blüte an dem reichblühenden Baum dieses Lebens. Und das Schicksal hat Landauer wunderbar begnadet. Jede Beziehung, jede Lebensform war ihm rein und reich auszuschöpfen gegeben: Liebe, Ehe, Freundschaft, Vaterschaft. Welch eine männliche Kraft und Festigkeit in der fast weiblich zentrierten Liebe und Hingabefähigkeit der wundervollen frühen Briefe an seine spätere Frau Hedwig Lachmann. Da ist kein Bruch, keine Problematik, keine Zerrissenheit und Müdigkeit wie die, durch die der moderne Mann die Gaben der Frau gar nicht mehr anzunehmen vermag. Im Gegenteil: hier ist der Mann der Gebende, der Schenkende, der Tragende. Aber auch jeder der Briefe an seine Freunde zeigt die vollkommene innere Hinwendung, die Bereitschaft, die reine Güte, mit der er alle seine Beziehungen gestaltete. Und nicht nur durch die prinzipiellen, auch noch durch die schlichtesten Briefe an seine Kinder strömt die ganze Kraft der Liebe eines wahrhaft leitenden und bildenden Menschen; ja, als Vater ist Landauer vielleicht am tiefsten der, der er war. Dabei zieht durch alle seine Äußerungen, von den frühesten Liebesbriefen bis zu den späten müden und verzweifelten Zeilen aus der Revolution, bis hinein in seinen Opfertod sich eine einzige ungebrochene Linie. Seine Existenz zeigt innerhalb dieser zwanzig Jahre bei allem, was sie bedrängte — und es war übergenug —, keinen Bruch, keine radikale Wandlung; von Anfang bis zu Ende ist er derselbe reife, mündige, zielbewußte und von seinem Ziel ausschließlich geleitete Mensch, der alles Nächste und Fernste in den Lichtkreis seines Lebens zieht und es seiner Idee anbildet. Und sprunglos, rißlos wie sein Leben war auch sein Weg zur Verwirklichung seiner Idee. Da wo für uns das brennendste Problem aller Gemeinschaft ist: im Aufeinandertreffen von individuellem und kollektivem Leben, sah Landauer die reinste Quelle zu ihrer Verwirklichung. Genau hier entsprang sein Traum von einem neuen Menschentum, von jener neuen lebendigen erfüllten Gemeinschaft, für die ihm zuletzt das Wort Sozialismus nur ein ungenügender Name war: im Zentrum der wenigen schöpferischen und für ihre Zeit verantwortlichen Menschen. Anders konnte für ihn Gemeinschaft nicht kommen als aus der Selbstentfaltung und Selbstvollendung Einzelner und aus ihrer Beziehung zueinander. „Nicht durch ein Begründen im Äußeren, sondern so, daß Einzelne sich nach der Kraft, die ihnen wurde, in sich vollenden, um dann, nachdem sie in abgründigen Einsamkeiten gewandert und ganz welteins und selber geworden sind, auf dem Scheitelpunkt der Reife die Freunde neben sich zu sehen." Aus solcher Gemeinschaft der Wenigen sollte die der Vielen erblühen: jenes wahrere, reichere, schönere Leben, „in dem alle dem Geiste, der Seele, dem Spiel und dem Gotte leben können". Nicht also an eine geschichtliche Entwicklung zum Sozialismus glaubte Landauer, sondern seine Überzeugung war: „Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich, 196

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